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Religion wird, so habe ich den Eindruck, zumindest in unserem Kulturkreis von vielen Menschen in der Regel eher beiläufig wahrgenommen. Zu sehr sind die Menschen davon überzeugt, dass es bloß noch ratsam ist, sein Leben zu genießen, denn ein weiteres oder ein Dasein in Himmel oder Hölle ist völlig ausgeschlossen, und durch das oftmalige alleinige Vertrauen auf die menschlichen Sinne (oder auch die Wissenschaft) ist es ebenso unmöglich, dass es etwas gibt, das wir nicht auf herkömmliche Weise und ohne Zuhilfenahme bewusstseinserweiternder Mittel wahrnehmen können. Die Berichterstattung der nationalen Presse stellt den Glauben in vielen Fällen auch nicht gerade in ein gutes Licht, wenn man mal so für sich betrachtet, wie oft zuletzt über Selbstmordattentate und Anschläge und wie wenig über friedliche und denkwürdige Zusammenkünfte allerorten, gerne auch zwischen Leitfiguren verschiedener Glaubensrichtungen, berichtet wurde. Mit der erstgenannten Einstellung habe ich persönlich eigentlich kein Problem, solange eine tolerante Grundeinstellung seitens des So-Denkenden vorhanden ist, und ich werde auch niemanden vor den Kopf stoßen, immerhin habe ich ja auch selbst früher gedacht, Leben und Tod wären vergleichbar mit einem Lichtschalter, der an- und ausgeknipst und nach dem Ausschalten unwiderruflich von der Stromversorgung abgeschnitten wird (schönes Bild, nicht wahr?). Aber ein kleiner Blick über den Tellerrand könnte nicht schaden. Für den offenen Menschen, der sich dies tatsächlich traut, wäre "Die Kuh, die weinte" von Ajahn Brahmavamso Mahathera, meist zu Ajahn Brahm verkürzt (Ajahn (bzw. andere Schreibweisen des Wortes, ausgesprochen ungefähr Adschahn) = Lehrer auf Thai; ein Titel, den erfahrene Mönche dieser Tradition innehalten, auf die diese Übersetzung auch in der Realität zutrifft... nicht, dass sich noch jemand über den seltsamen Vornamen wundert), ein guter Startpunkt. Ein sehr guter sogar, wie ich in folgendem Review demonstrieren möchte. Es wäre aus meiner Sicht wünschenswert, aber ich möchte niemanden dazu zwingen, sich fortan "meiner" Religion/Lebensphilosophie anzuschließen, und werte deshalb auch niemanden ab, der dies nicht tut. Übrigens ist dies hier mein erster Text außerhalb des Musikbereiches, also bitte: keine Gnade, aber immer konstruktiv bleiben. Irgendwie muss ich ja aus meinen Fehlern lernen.
Erst einmal, um dem interessierten Leser einen ansatzweisen Eindruck von dem zu geben, was ihn bei diesem Buch erwartet, ein paar wenige Worte zum Verfasser: Ajahn Brahm, mit bürgerlichem, aber schon lange abgelegtem Namen Peter Betts, ist ein hoch angesehener buddhistischer Theravada-Mönch aus England, der der thailändischen Waldtradition unter der Linie des 1992 verstorbenen vollendeten Meisters Ajahn Chah angehört und unter dieser seit rund 35 Jahren ordiniert ist (mit dem Unterschied, dass sie sich damals noch nicht auf seinen bedeutsamsten Lehrer bezog). Es sei erwähnt, dass das Theravada den ursprünglichen Lehren des Buddha am nächsten steht und die genannte Tradition ein immer wieder auftauchender und nach einigen Jahren oder Jahrzehnten wieder verschwindender Versuch einer kleinen Splittergruppe ist, einen Gegenpol zur dominierenden Szene von "Partymönchen" darzustellen. Jedenfalls leitet der Autor mittlerweile ein berühmtes Kloster nahe Perth, Westaustralien, und bekleidet darüber hinaus diverse religiöse Ämter in Australien und Singapur.
So viel dazu. Für den Unbedarften mag sich das vielleicht nach “seniler, weltfremder Tattergreis, der keine Ahnung vom Leben hat und bloß irgendwelche langweiligen Predigten über unverständliche esoterische Konzepte halten kann“ anhören – an der Stelle möchte ich allerdings Einspruch einlegen und sagen, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Mal ganz davon abgesehen, dass ich persönlich bei einem 51er-Jahrgang nicht unbedingt von einem Greis sprechen würde, zählt Brahm zu denjenigen, die tatsächlich imstande sind, ihr Wissen so darzulegen, dass wirklich jeder es verstehen und auf sich selbst bzw. sein eigenes Leben anwenden kann. Dass der Buddhismus ein durch und durch pragmatisches, wenn auch nicht gefühlloses System ist, keinen Glauben voraussetzt, sondern von jedem verlangt, sich kritisch mit der Lehre zu befassen, wenn man von ihr profitieren möchte, und ebenso jedem die Erlaubnis bzw. Möglichkeit gibt, sie auf ihre Realitätstauglichkeit zu prüfen, weiß ich – nach der Lektüre dieses Buches werden das hoffentlich noch mehr Leute wissen.
Statt jetzt weiter das Ganze anzupreisen, ohne harte Fakten zu nennen, will ich mal zum Buch selbst kommen. An allererster Stelle ist anzumerken, dass es sich hierbei nicht um ein vollständiges, in sich abgeschlossenes Werk handelt, sondern sich vielmehr aus insgesamt 108 für gewöhnlich ein- bis dreiseitige Kurzgeschichten handelt, die oftmals auf realen Begebenheiten basieren, was die Sache aber nicht übermäßig fragmentarisch oder gar oberflächlich macht, ganz im Gegenteil. Dieses Buch enthält in seiner rund 230-seitigen Kürze mehr Weisheiten als jeder 500 Seiten füllende Lebensratgeber. Der Ajahn versteht es, auf gekonnte Art und Weise bessere Menschen zu schaffen, was etwas künstlich klingen mag, aber aus meiner Sicht die Wahrheit ist: besser nicht im Vergleich zu seinen Mitmenschen, aber besser im Vergleich zu sich selbst bzw. dem, was man vor diesem “Wandel“ war. Zu beachten ist, dass dies nicht durch, wie der Umschlag es formuliert, trockene Gelehrsamkeit geschieht, stattdessen aber durch eine leichte, verständliche Schreibe mit Humor; damit meine ich zwar für gewöhnlich keine regelrechten Schenkelklopfer, aber doch etwas, das gelegentlich zu einem vergnügten Schmunzeln oder manchmal auch Lachen auf niemandes oder höchstens des Autors Kosten anregt. Da allerdings auch die besten Formulierungen ohne lesenswerten Inhalt nichts nützen, gibt es auch von der Seite einiges zu berichten.
Lobenswert ist, dass der Autor sich nicht primär an Buddhisten richtet (wer auf der Suche nach solcher Literatur ist, sollte besser den Palikanon lesen oder einschlägige Webseiten wie die umfangreiche amerikanische Datenbank AccessToInsight besuchen), buddhistische Prinzipien wie z.Bsp. das Gesetz des Kamma, die drei Daseinsmerkmale oder die vier edlen Wahrheiten werden in den meisten Texten noch nicht mal erwähnt und auch sonst wirft er nicht mit buddhistischer Fachterminologie um, weshalb das Buch auch mehr den Laien- oder Nicht-Buddhisten anspricht. Das einzig Buddhistische liegt in seiner Weisheit und Erfahrung – so schafft er für jedes Problem eine menschlich vertretbare und im Alltag anwendbare Lösung. Seine Texte sind, ähnlich wie seine sogenannten Dhamma Talks, aufbauend und vermitteln den Lesern ein positives Lebensgefühl, indem sie versuchen, deren Verhältnis zu vielen Dingen zu ändern. Seine Geschichten sind dabei denkbar einfach gestrickt und auch sehr locker geschrieben, enthalten aber dennoch viele Aussprüche, die unser Denken verändern könnten – so erzählt er z.Bsp. in einem Text, wie er einer Frau, die sich selbst für einen Unfall die Schuld gibt, der ihre Freundin zum Krüppel gemacht und dessen Mann umgebracht hat, aus ihren Schuldgefühlen geholfen hat. So viel sei gesagt: gut gemeinte Versuche à la “Es ist nicht deine Schuld, du kannst nichts dafür“ kommen hier nicht vor, vielmehr etwas unsagbar Einfaches, auf das die meisten Menschen aber wahrscheinlich nicht von selbst gekommen wären. Man könnte so etwas wahrscheinlich als Querdenken bezeichnen, wenn man darum bemüht ist, solche Akte des Mitgefühls zu kategorisieren. Sehr ergreifend ist auch die Titelgeschichte, deren Schönheit mir allen Ernstes Tränen in die Augen getrieben hat.
Es gibt sehr viele Beispiele dafür, wie Brahm seine Mitmenschen durch sein ungewöhnliches Denken und Verhalten verblüfft, und das Beste daran ist, dass sie tatsächlich wahr sind und demnach auch der eigenen Wirklichkeit standhalten, denn die strikten Regeln eines Mönchs verbieten ihm jede Form von Unziemlichkeit, in diesem Fall also auch Lügen. Sollte er dabei auch noch über seine geistigen Errungenschaften, die gelegentlich Erwähnung finden, die Unwahrheit erzählen, ist er automatisch kein Mitglied der Sangha, also der Mönchsgemeinde mehr und kann in diesem Leben auch nicht mehr ordinieren - ein Lügner wird er also kaum sein. Und allen Zweiflern sei gesagt, dass es sich hierbei auch nicht um eine Ansammlung von Versuchen der Selbstbeweihräucherung handelt, denn der ideale Mönch handelt aus eigener Kraft nach den zehn Páramis, also Vollkommenheiten, darunter Dinge wie Freigebigkeit, Willenskraft und Güte, um allen Wesen von Vorteil zu sein. Klar, wer solche Eigenschaften ganz sturköpfig als Schwachsinn ansieht und auch kein Interesse daran hat, sie zu entwickeln (leider ist das hier drüben oftmals der Fall, da solche Leute gemeinhin als schwach und unterentwickelt gelten), wird so etwas nicht nachvollziehen können, aber im Prinzip lässt das doch bloß zwei Schlüsse zu: entweder wir haben es hier mit einem Blender allererster Güte oder einem Vorbild für die gesamte Menschheit zu tun, und da niemand geistig so Entwickeltes auf seinen eigenen Vorteil bedacht sein wird, trifft wohl eher Letzteres zu. Außerdem zeigt er gelegentlich anhand einiger Episoden aus früheren Tagen auf, dass auch er klein anfing und sich langsam hocharbeitete, wie es bei jedem großen Meister und selbst beim Buddha der Fall war. Dabei kann es auch schon mal passieren, dass ein einfacher Besucher seines Klosters ihm völlig neue Perspektiven eröffnet.
Noch ein paar Worte zur deutschen Übersetzung: die ist tatsächlich gelungen. Die Übersetzerin Martina Kempff hat es geschafft, den originalen Ton auch so gut wie möglich im Deutschen einzuhalten, und hat nach meinem Ermessen bestmögliche Arbeit verrichtet. Es gibt zwar einzelne Wörter und Sätze, auch vereinzelte Wortspiele, die nicht ganz so geschickt übersetzt wurden, das kann man Frau Kempff aber nicht übel nehmen, denn die basieren mehr auf den Gegebenheiten der einzelnen Sprachen und sind demnach kein einfacher Pfusch. Ein sehr auffälliges Beispiel wäre dafür die Geschichte, die im Original “Poor me, lucky them“ heißt und mit “Ich Armer, die Glücklichen“ übersetzt wurde, was hierzulande nun wirklich kein gängiger Ausdruck ist und sich in meinen Ohren eher holprig anhört. Ein Vorteil der deutschen Fassung ist das Cover, das wesentlich einfacher und harmonischer gestaltet ist. Zudem ist sie, im Gegensatz zum Original, gebunden, und ein schönes Hardcover halte ich, unabhängig vom Preisunterschied zum Taschenbuch, einfach für viel schöner.
Eine kleine Warnung möchte ich trotz aller genannten Dinge an diejenigen aussprechen, die auf der Suche nach inspirierender Literatur sind, um möglichst schnell erleuchtet zu werden: mal davon abgesehen, dass die Eile dieses Vorhabens und der Gedanke, man würde sich direkt nach dem endgültigen Erlangen von Nibbána wieder anderen, weltlichen Dingen widmen können oder wollen, wohl eher einem groben Missverständnis dieses in der Lehre dargelegten Endzieles zugrunde liegt, gehört jemand, der dies in seinem jetzigen Leben erreichen will, wahrscheinlich nicht zur primären Zielgruppe dieses Werkes. Dass jemand, der in seiner Praxis schon fortgeschritten ist, aus diesem noch etwas Nützliches für sich herausziehen kann, bezweifle ich gar nicht, sondern halte es im Gegenteil für recht unwahrscheinlich, dass dies nicht der Fall sein wird. Ich würde jedoch behaupten, dass sich dieses Buch in erster Linie vielmehr an diejenigen richtet, die einen guten theoretischen und praktischen Einstieg in den Buddhismus suchen, wie er vom Buddha gelehrt wurde, um sich selbst einen Zugang zum Glück zu schaffen. Wer ernsthaft versucht, das Dhamma für sich selbst zu begreifen, sollte sich nach der Lektüre der weinenden Kuh ganz anderen Werken zuwenden oder am besten direkt einen fest darin verankerten Lehrer aufsuchen (die in unseren Kreisen dummer-, aber auch verständlicherweise rar gesät sind, denke ich, am ehesten wird man da womöglich in bestimmten Gebieten Thailands fündig werden) und seine Zeit voll und ganz dem edlen achtfachen Pfad widmen. Niemand ist dazu gezwungen, aber selbst Brahm macht hinsichtlich der Darstellung der Lehre Unterschiede zwischen einem Laienpublikum und seinen Mitmönchen, die sich so etwas wie Müßiggang natürlich nicht leisten können – man vergleiche dazu einfach nur mal kostenlose, teilweise auch als PDF verteilte Bücher und Bröschüren wie bspw. Simply This Moment, das aus Lehrreden besteht, die er seinen Mönche im Bodhinyana Monastery hielt, die sind in jeder Hinsicht deutlich ernster und damit nur bedingt für den “Mainstream“ geeignet.
Es bleibt zu sagen, dass Die Kuh, die weinte im Prinzip, zumindest den im vorigen Abschnitt genannten Voraussetzungen entsprechend, ein Buch für jedermann ist, ob Uniprofessor oder einfacher Arbeiter. Ganz in der Tradition des Buddha Shakyamuni macht auch Ajahn Brahm keine Unterschiede zwischen diversen Bevölkerungsschichten, ob arm oder reich, ebenso spielen Dinge wie die sexuelle Ausrichtung für ihn keine Rolle: seine Lehren dürften jedem einleuchten und, wie der etwas geschwollene, aber nicht übertriebene Untertitel “Buddhistische Geschichten auf dem Weg zum Glück“ vermittelt, den Menschen tatsächlich Glück und Zufriedenheit bringen, und das ganz ohne materielle Genüsse oder okkultem Hokuspokus, sondern auf einfache, zugängliche Art und Weise. Den allgemeinen Lobpreisungen kann ich mich da nur anschließen - solche Mönche, die sich strikt an die 2500 Jahre alte, dennoch zeitlose Lehre des Tathágata halten, sind für mich Vorzeigebilder der Erdbewohner. Wer Lust auf mehr hat, darf sich gerne auf der Homepage der Buddhist Society of West Australia und YouTube MP3s und Videos mit Dhamma Talks von ihm und anderen wundervollen Bhikkhus ansehen und anhören, völlig kostenlos und ohne auch nur den geringsten Zwang, geschweige denn Verpflichtungen. Das nenne ich Menschsein.
Titel: Die Kuh, die weinte Autor: Ajahn Brahm Übersetzer: Martina Kempff Verlag: Lotos Verlag Originaltitel: Opening the Door of Your Heart (später: Who Ordered This Truckload of Dung?) Seitenzahl: 239 Preis: 14,95€ (gebunden, nicht als Taschenbuch erhältlich)
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