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Nicht immer ist der Nobelpreis für Literatur ein Garant für große Geschichten. Preise sind es generell nicht immer – und doch gibt es Autoren, Filme oder Musiker, bei denen man sich freut oder es zumindest im Nachhinein als verdient empfindet. Und genau so ein Beispiel ist Coetzee.
Das Auswählen von Büchern ist ja immer anders, mal spricht einen vielleicht ein Cover an, mal die Zusammenfassung des Klappentextes oder man kennt den Autor schon von anderen Büchern. Hier war das ein zufälliger Griff in das Bücherregal, das Thema Südafrika klingt zwar nicht uninteressant, aber ich hätte den Roman wohl im Geschäft gelassen, wenn, ja wenn ich nicht reingeblättert hätte und angefangen zu lesen.
David Lurie beschäftigt sich mit Byron, einem britischen Dichter und wurde geschieden. Als zweiundfünfzigjähriger Universitätsprofessor, der sich jeden Donnerstag mit einer Prostituierten trifft, ändert sich eines Tages vieles: Sie lehnt ihn als Kunden ab und er trifft später auf eine seiner Studentinnen, in die er sich verliebt. Ob nun auf Druck der Familie oder aus eigenem Antrieb, gerät das an die Öffentlichkeit. Der Skandal ist perfekt und um einem Untersuchungsausschuss zuvorzukommen, kündigt er und nimmt alle Schuld auf sich, trotz der Auswege, die ihm angeboten werden. Um all das hinter sich zu lassen, zieht er nach Kapstadt zu seiner Tochter Lucy, die dort allein eine Farm bewirtschaftet. Und schon bald muss er erkennen, dass dort andere Gesetze herrschen: Seine Tochter wird überfallen und vergewaltigt, die Täter sind bekannt, aber sie zieht diese zu seinem völligen Unverständnis nicht zur Rechenschaft. Und schon ist man mittendrin in einem Roman über Schwarz und weiß, Väter und Töchter – und schließlich auch die Beziehung zwischen Mensch und Tier, weil Lurie in einer Tierklinik aushilft, in der Tiere eingeschläfert werden.
J. M. Coetzee wurde 1940 in Kapstadt geboren und erhielt im Laufe seiner Arbeit einige Preise. Seit 1974 schreibt er und 2003 bekam er den Nobelpreis für Literatur. Thematisch geht es meist um Südafrika und Apartheid. Bei dem vorliegenden Werk beeindruckt vor allem der Stil. In Gegenwartsform geschrieben, oft eindeutige, klare Sätze, die fast schon rau wirken und sehr gut zu dem Zyniker Lurie passen, ja, seinen Charakter unterstreichen. Seine Gedanken kann man zwar meist nachvollziehen, aber nicht immer verstehen. Und in dieser einfachen Sprache werden einfache Sachverhalte und einfache Themen zu einer einfachen Geschichte verwoben, und ehe man sich versieht, ist man mittendrin, zwischen all diesen Charakteren und Erlebnissen, die einen immer wieder hart und unvermittelt treffen. Und genau das ist die Stärke des Buches.
Erster Satz: „Für einen Mann seines Alters, zweiundfünfzig, geschieden, hat er seiner Ansicht nach das Sexleben recht gut im Griff.“
Szene, S. 132: Es ist nach elf, aber von Lucy ist nichts zu sehen. Ziellos irrt er durch den Garten. Eine graue Stimmung kommt über ihn. Es ist nicht nur, daß er nicht weiß, was er mit sich anfangen soll. Die gestrigen Ereignisse haben ihn bis ins Mark erschüttert. Das Zittern, die Schwäche sind nur die ersten und oberflächlichsten Zeichen dieser Erschütterung. Ihm ist zumute, als sei ihm ein lebenswichtiges Organ beschädigt, mißbraucht worden – vielleicht sogar das Herz. Zum erstenmal hat er einen Vorgeschmack davon, wie es sein wird, wenn er ein alter Mann ist, erschöpft bis auf die Knochen, ohne Hoffnungen, ohne Wünsche, gleichgültig der Zukunft gegenüber.
Coetzee ist ähnlich wie Philip Roth ein großer Erzähler, und wem „Der menschliche Makel“ gefiel, der kann auch hier zugreifen. Wer das Thema jetzt nicht so spannend findet, sich aber für Sprache interessiert, sollte es sich dennoch mal anschauen, wer noch nicht weiß, was er dieses Jahr im Winter vor dem Kamin lesen soll - „Schande“ ist eine klare Empfehlung.
Titel: Schande Autor: J. M. Coetzee Übersetzer: Reinhild Böhnke Verlag: SPIEGEL-Verlag Originalausgabe: Disgrace Erscheinungsjahr: 1999 Seitenanzahl: 270
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