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S. Lenz - Deutschstunde PDF Drucken
Geschrieben von Minsc   
10.02.2008

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„Klassische“ Deutsche Schriftsteller machen es uns nicht leicht. Da kommen sie, wie der 1926 in Ostpreußen geborene Siegfied Lenz, mit Titeln, bei denen man förmlich das Feuilleton applaudieren hört, während der Anspruch von den Buchstaben trieft. So zärtlich war Suleyken, Es waren Habichte in der Luft oder die hier vorliegende Deutschstunde, allein dieses weckt schon Erinnerungen an die Schulzeit. Vom Wort her – und vom Werk, denn oft wird es im Unterricht behandelt. Im Unterricht selbst hätte ich das wohl auch nicht wirklich gut gefunden, woran das liegt, da sollten sich Schulsystem und Lehrer vielleicht auch mal selbst hinterfragen, tatsächlich entdeckte ich es per Zufall, als es im Rahmen der SZ-Bibliothek erschien. Und ich gerade begeistert war von Walser, Grass und Mann – und verblüfft von ihrer Erzählkunst, plastischen Charakteren und interessanter Ideen.

Also beschloss ich, mich auch mal Lenz zu widmen. Siggi Jepsen ist der Protagonist der Geschichte, verbüßt seine Zeit in einer Jugendstrafanstalt und soll einen Aufsatz über Pflichterfüllung niederschreiben. Doch seine Erinnerungen überfluten ihn geradezu, er bringt nichts zu Stande, was als Protest gewertet wird und nun steht er noch einmal vor der selben Aufgabe, nur in einer Einzelzelle. Tatsächlich beginnt der Roman dann auch erst hier, richtig Fahrt aufzunehmen, es geht zurück nach 1943 in ein kleines Kaff in Norddeutschland, Rugbüll. Jepsens Vater war dort Polizist, befreundet mit einem Maler und anerkannt in diesem Ort. Doch Nansen, dieser Maler war alsbald ein Dorn im Auge der Nazis, unerwünschte Kunst dem schließlich ein Malverbot auferlegt wurde. Während sein Vater in der Pflicht war, über die Einhaltung dieses Verbotes zu wachen und diese erfüllt, freundet sich Siggi seinerseits mit dem Maler an. Er hilft ihm dabei, Bilder zu verstecken, was zu weiteren Konflikten mit seinem Vater führt. All das ist wunderbar erzählt, ich habe dieses Buch geradezu verschlungen, immer die Frage, wie es weitergeht und die Rahmenhandlung in der Jugendstrafanstalt verblasst fast völlig, bis der Roman immer mal wieder für kurze Momente in die Gegenwart zurückspringt und man innehalten kann. Kurzes reflektieren, bis es endlich weitergeht - auch mit der Entwicklung der Charaktere. Denn die Zeit der Nazis läuft ab, völlige Pflichterfüllung ist nicht mehr unbedingt erwünscht und schließlich finden sich die handelnden Personen in neuen Rollen der Gesellschaft wieder.

Erster Satz:
Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben.

Szene, S.309
Tetjus Prugel schlug schneller zu als andere Lehrer, er schlug wirkungsvoller. Da er am rabiatesten bei Unaufmerksamkeit zuschlug – nicht bei Faulheit, Dummheit oder langer Leitung -, wagte niemand in der Klasse, auf die Fensterscheiben zu blicken, die schon den ganzen Morgen von fernen Detonationen erschüttert wurden, und niemand wagte es, den tief dahinflitzenden Flugzeugen nachzusehen, die von der See her über den Deich sprangen bis zur geteerten Chaussee, abwinkelten – wobei man die englischen Hoheitszeichen erkennen konnte – und Richtung Husum weiterflogen. Höhnisch sah Prugel zur Decke auf, wenn die Motoren seine Rede verstümmelten, wartete bis der Lärm abnahm und sprach dann, Satz und Prädikat mühelos wiederfindend, weiter.


Dieses Buch war völlig zurecht der Durchbruch für Lenz und brachte ihn auf eine Stufe mit anderen großen deutschen Autoren, die man kennen muss, wenn man sich für Literatur interessiert. Das Thema Zweiter Weltkrieg ist (zu) oft Mittelpunkt von Romanen, aber einige lohnen sich da wirklich zu lesen – und die Deutschstunde gehört ohne Zweifel dazu. Die Atmosphäre ist gut beschrieben, die Charaktere glaubhaft und nachvollziehbar. Einziger Kritikpunkt sind wenige Längen im zweiten Teil des Buches, trotzdem kann ich nur sagen: Keine Scheu vor großen Namen – lest!

Titel: Deutschstunde
Autor: Siegfried Lenz
Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr: 1968
Seitenanzahl: 490

Bewertung
9/10
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