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Shenmue dürfte wohl eines der ambitioniertesten Projekte in der Videospielegeschichte sein. Es war recht lang in der Entwicklung, denn ursprünglich wurde es für den Saturn entwickelt. Es umfasst mehrere Teile und schon dieses erste Kapitel kam auf 3 GD Roms heraus.
Das Spiel wird von Sega in ein eigenes Genre gesteckt: F.R.E.E. was für Full Reactive Eyes Entertainment steht. Im Handbuch wird auf einer Seite erklärt, was sich dahinter verbirgt. Will man dagegen Shenmue in eine konventionelle Schublade packen, kann man wohl sagen, dass es ein Rollenspiel ist.
Man übernimmt schließlich eine Rolle, jene von Ryo Hazuki. An sich ein ganz normaler Typ, der aber eines Tages den Tod seines Vaters miterleben muss. Herbeigeführt wird dieser von einem fiesen Bösewicht namens Lan Di. Mehr ist erstmal nicht bekannt, aber natürlich sinnt Ryo auf Rache und begibt sich auf die Suche nach dem Mörder. Das Ganze spielt im Jahr 1986 und man hat versucht das so real wie möglich nachzubilden. Nach dem man das Spiel das erste Mal durchgespielt hat, gibt es für das zweite Mal z.B. die Magic Weather Funktion. Die Macher haben sich tatsächlich die Mühe gemacht und geschaut wie das Wetter zur damaligen Zeit in Yokosuka City, wo das Spiel spielt, war und es Tag für Tag 1:1 ins Spiel integriert. Aber gerade beim „Fanservice“ haben die Entwickler weniger Wert auf Realismus gelegt. Eine Saturnkonsole und Virtua Fighter Poster wirken doch etwas sehr merkwürdig. Schön sind dagegen die kleinen Details. Erlebt man z.B. Weihnachten, sieht man den Weihnachtsmann durch die Strassen laufen und aus den Geschäften erklingt typische Weihnachtsmusik
Los geht es aber erstmal zu Hause und das am 29. November und man hat erstmal nur Zugriff auf das kleine Dorf. Hier zeigt sich aber schon, dass man so einige Freiheiten hat, die man bei den meisten konventionellen Rollenspielen vermisst. Ob man nun im heimischen Dojo trainieren will oder an Getränkeautomaten Dosen kauft oder kleine Spielzeugfiguren aus Automaten zieht, das alles ist ebenso möglich, wie das anlabern verschiedener Personen. Letzteres muss man auch machen um erstmal ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Zwischendurch gibt es dann kleine Quests, die man machen kann – oder eben nicht. So muss man einer alten Frau helfen ein Haus zu finden, was erstmal dazu dient, die Steuerung zu lernen. Bewegt wird sich mit dem Steuerkreuz, mit dem Analogstick kann man sich umsehen. Die linke Taste ist zum Rennen und die rechte für den First Person Modus, aus dem man auf Gegenstände oder Buttons sehen kann um sie dann anzuklicken. Die vier vorderen Tasten dienen zum Bestätigen, zum Aufruf des Notebooks und für das Menü, in dem man seinen Kontostand überprüfen oder schauen kann, was man alles so im Inventar hat.
Hat man dann genug rumgefragt, kommt man in die größere Stadt. Hier gibt es viele Geschäfte, die man betreten kann, man redet mit noch mehr Leuten und das Spiel beginnt. Wenn auch erstmal sehr langsam, denn der Einstieg in Shenmue dürfte viele Leute schnell vertreiben. Gemächlich schreitet die Geschichte voran, man rennt viel rum, redet mit noch mehr Menschen (Die Gespräche laufen dabei von allein ab) und das erste große Probleme tritt auf: Die Zeit. Das Spiel versucht so realistisch wie möglich zu sein. Jeder NPC hat seinen Tagesablauf, es gibt unterschiedliches Wetter, Tageszeiten und so eben auch eine Uhr. Diese ist zwar zum Glück schneller als im echten Leben, aber wie auch dort, kann man nicht einfach „vorspulen“. Man muss warten, etwas später nervt das dann. Wenn man z.B. um 10 Uhr in der Früh ein Gespräch mit einem wichtigen Charakter hat und dieser meint „Treff mich morgen hier um 15 Uhr“, kann man erstmal in der Handlung nicht weiterkommen. Die Zeit bis dahin muss man tatsächlich totschlagen. Zum Glück ist Shenmue da anders als viele Rollenspiele und man hat die Möglichkeit irgendwas anderes zu machen. Die Automaten oben und das Sammeln von Spielzeugfiguren sind tatsächlich nett gemacht, da man da Figuren von Segacharakteren wie Sonic, Virtua Fighter und andere bekommen kann und es gibt auch eine Spielhalle. Neben einer Jukebox mit Musik (unter anderem Magical Sound Shower aus OutRun), gibt es auch Dartautomaten, zwei Geschicklichkeitsspiele und Sega ließ es sich nicht nämlich die kompletten Arcadefassungen von Hang-On und Space Harrier einzubauen. Natürlich kann man bei all diesen Spielen High Scores erzielen die dann auch gespeichert solange da stehen, bis sie vielleicht von jemand anderem überboten werden. Hat man genug gespielt, kann man z.B. in den Supermarkt gehen. Dort kauft man sich dann eine Tüte Kartoffelchips oder Schokolade oder Musikkassetten und darf ein Los ziehen. Es gibt 5 Tabellen mit Preisen: Von weiteren Sammelfiguren zu den beiden Spielen die man dann zuhause spielen kann, weiter über Musikkassetten und ein Tapedeck, das man natürlich nur mit viel Glück gewinnt. In den Läden gibt es auch spezielle Figuren die man nicht in den Automaten findet wie Super Sonic oder Silver Dural. Abends kann man in eine Bar gehen und Billard spielen. Als weitere Nebenquest gibt es auch noch den Aufzug einer Katze, die man füttern muss und dann erlebt man wie sie langsam wächst. Auch das ist sehr schön gemacht.
Ab der zweiten Disc, die man weiter in diesem Gebiet verbringt, kommt dann noch langsam eine Liebesgeschichte dazu und man erlebt die ersten größeren QTEs und Freestyle Kämpfe. Ersteres kann man wohl am einfachsten mit Dragons Lair erklären: Auf dem Bildschirm läuft alles automatisch ab, dann erscheint eine Richtungstaste oder ein Button den man drücken muss. Im Verlauf des Spiels werden diese QTEs immer länger. Die Freestyle Kämpfe sind praktisch Virtua Fighter (Ursprünglich sollte Shenmue auch ein Spinoff von VF werden). Man kämpft gegen einen oder 6-7 Gegner gleichzeitig und muss sie verprügeln. Dafür gibt es haufenweise Schlag- und Trittcombos, im Verlauf des Spiels lernt man noch einige mehr und muss diese regelmäßig im Dojo oder einem freien Platz üben. Die Kämpfe gestalten sich am Anfang noch recht einfach, aber gegen mehrere Gegner wird das schon recht schwer.
Später kommt man dann an ein großes Hafengelände. Eine der Aufgaben ist es, sich bei Nacht zu einer Lagerhalle zu schleichen und man muss auf die Wachen aufpassen. Das ganze erinnert an Metal Gear Solid und zeigt zwei Dinge: Einerseits, das Shenmue ein Problem mit der Kamera hat, die immer etwas zu niedrig ist und es ein wenig an der Übersicht mangelt. Das andere ist, das dieses Spiel extrem fair ist. Wird man von den Wachen ein paar Mal erwischt, bekommt man Hilfe. Vorausgesetzt, man hat zuvor einem Obdachlosen geholfen. Dieser erweist sich als sehr nützlich, man kriegt eine Karte, dann zeichnet er die Wege der Wachen darauf ein und am Ende gibt er den Tipp es später zu versuchen, wenn nur noch ein Wachmann auf Patrouille ist. Also, selbst wenn man etwas nicht sofort schafft, muss man es nicht zigmal auf dem gleichen Schwierigkeitsgrad versuchen und wirft dann das Gamepad in die Ecke, das Spiel wird leichter.
Wird man allerdings erwischt, vergeht jedes Mal ein ganzer Tag, ehe man noch mal zur Halle schleichen darf und auch wenn man einige (Spiel)Monate Zeit hat das Spiel zu lösen, ehe es im „schlechten Ende“ verloren geht, sollte man sich doch nicht zu viel Zeit lassen. Andererseits kann es auch positive Entwicklungen z.B. auf die Liebesgeschichte haben, wenn man sich etwas Zeit lässt. Man kann das Spiel locker zweimal (langsam und ausführlich und dann noch mal schnell und direkt) durchspielen und erlebt unterschiedliche Cutscenes.
So richtig legt das Spiel dann mit der dritten Disc los. Hier ist man dauerhaft am Hafen und muss sich Geld als Staplerwagenfahrer verdienen. Man transportiert Kisten, wobei man jeden Tag eine andere Route hat, dadurch verdient man auch Geld, das man wieder für das Sammeln der Figuren ausgeben kann. Macht man das gut, kriegt man eine Gehaltserhöhung, man sollte sich also auch hier anstrengen und nicht denken dass es keinen weiteren Sinn hat. Nebenbei fährt man Rennen gegen die anderen Arbeiter (Dafür kriegt man wiederum Sammelfiguren als Preis wenn man gut ist) und natürlich geht auch die Geschichte hier stark weiter, man erfährt immer mehr von einem chinesischen Kartell, trifft auf eine böse Bande und lernt weitere Kampfaktionen.
Die Handlung mag keine Revolution sein, dafür hat man viel Wert darauf gelegt, dass der Spieler unterhalten wird. Neben normalen Charakteren, hat man auch einige sehr lustige und abgefahrene Gestalten eingebaut und setzt auch hier wieder auf Realismus. So zum Beispiel die Angestellte im Reisebüro, die mehr mit dem Lesen ihres Magazins und Schminken beschäftigt ist als sich um die Kunden zu kümmern und spricht man sie an, reagiert sie sehr zickig. Auch wenn einiges Klischeehaft ist, wie die bösen Biker oder die betrunkenen Seeleute, es macht Spaß durch diese Welt zu laufen und das alles zu erleben.
Grafisch sieht das Spiel toll aus. Bessere Grafik auf dem Dreamcast erlebt man nicht mal bei Sonic Adventures. Die Stadt sieht sehr realistisch aus, mit unterschiedlichen Gebäuden, mit Neonschildern bei Nacht. Die NPCs verhalten sich glaubhaft. Regnet es, holen sie z.B. ihre Regenschirme heraus und man kann jeden ansprechen. Bei der Fernsicht merkt man dann ein wenig, dass die Dreamcast nicht so leistungsfähig ist, wie man es hier brauchen könnte. Die Weitsicht ist zwar sehr gut und bei Gebäuden gibt es keine Popups, sondern man kann tatsächlich ein paar Straßen weit sehen. Dafür tauchen aber Menschen urplötzlich vor Ryo auf. Das sieht nicht so gut aus und ist gerade bei der Staplerwagenarbeit eher nervig, wenn man steuert und gegen einen Menschen fährt, der geisterhaft erscheint. Die Musik ist sehr schön. In den Städten hat man japanische Musik. Bei den Actionsequenzen wird die E-Gitarre rausgeholt und die Spielhalle klingt wie eine Spielhalle. Die Soundeffekte sind auch sehr realistisch, auch wenn die Kampfgeräusche natürlich wieder mal etwas übertrieben klingen. Oft kritisiert wurde die Sprachausgabe. Man nahm wohl die japanischen Sprecher und ließ sie alles noch mal in Englisch aufnehmen. Die meisten Charaktere klingen schrecklich unpassend und die Dialoge können schnell nerven. Schade.
Die vierte Disc, die sich in der Packung befindet, heißt Passport. Praktisch ist das nur ein Bonus. Früher konnte man damit dann online gehen und dort die erzielten Highscores bei den Spielen online stellen und schauen wie man sich im weltweiten Vergleich schlägt. Man konnte auch die Figuren tauschen. Leider ist der Onlinesupport des Dreamcasts mittlerweile tot und das Ganze funktioniert nicht mehr. Aber die Disc bietet noch mehr Optionen. Man kann sich noch mal die ganze Musik anhören, sich die ganzen Zwischensequenzen ansehen und als Bonus gibt es noch verschiedene Trailer, die vor Erscheinen des Spiels gezeigt wurden. Wem die 50 Seiten des Handbuches nicht ausreichen, findet auf der Passportdisc auch noch einige Tutorialvideos für die Steuerung.
Abseits des Kritikpunktes mit der Sprachausgabe und den Kameraproblemen hat man es bei Shenmue mit einem gelungenen Erlebnis zu tun. Man kann nicht anders als die Story zu erleben und immer weiter zu spielen, bis man dann beim Cliffhangerende zu sehen bekommt, dass man auch Teil zwei unbedingt benötigt. Wie gesagt mag Shenmue nicht die geniale Offenbarung sein, die Yu Suzuki gern entwickelt hätte, ein sehr tolles Spiel ist es aber trotzdem und einfach Pflicht, wenn man einen Dreamcast besitzt.
Publisher: Sega Developer: Sega AM2 Erscheinungsjahr: 2000 Erschienen für: Dreamcast Anzahl Spieler: 1 Schwierigkeitsgrad: Mittel
 
| Grafik | 9/10 | | Spielspass | | Sound | 7,5/10 | 8,5/10 | | Gameplay | 8,5/10 |
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