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 2010 war ein besonderes Jahr für die Legendary Pink Dots, das Jahr, in dem sie ihr 30-jähriges Bestehen feiern durften und es auch ausgiebig taten. Die Folge war ein gutes Dutzend neuer Alben sowohl der Band als auch einzelner Mitglieder innerhalb eines kurzen Zeitraums. Auch Sänger und Texter Edward Ka-Spel, dessen zahlreiche weitere Pseudonyme ich an dieser Stelle nicht aufzählen werde, hat tatkräftig zu dieser Fülle von Releases beigetragen, denn in diesem Jahr erschienen nicht nur zwei Splits mit The Silverman und Armchair Migraine Journey, sondern auch sein bisher letztes vollwertiges Soloalbum, „The Minus Touch“, auf Beta-lactam Ring Records. Kenner werden sich wohl stark an die Geschichte vom alten König Midas erinnert fühlen, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte, nur, dass beim „minus touch“ alles in Fäkalien verwandelt wird. Ich spüre hier typisch britischen Humor, verpackt in einem Hauch von Selbstironie, denn schlecht ist diese LP bestimmt nicht. Im Gegenteil, sie ist gut. Ziemlich gut! Weshalb das so ist: lest weiter. Prinzipiell lässt sich Edwards Soloarbeit in zwei Kategorien einteilen, die sich bei der gegebenen Vielfalt aber locker noch mal in Dutzende Subkategorien spalten ließen: auf der einen Seite stehen die melodischen, rhythmischen, nicht konventionellen, aber doch recht zugänglichen Arbeiten, auf der anderen haben wir einen skurrilen, experimentellen, manchmal ins Dadaistische reichenden Sound, wo er gerne auch kurze Samples dekonstruiert, mit ihnen spielt und vor diesem Hintergrund seine manchmal äußerst kryptischen Texte vorträgt, oder überlange, sperrige Instrumentals komponiert. „The Minus Touch“ präsentiert das Beste aus beiden Welten. Obwohl sich von den acht Tracks, die auf diesem Album enthalten sind, mehrere durch eine überdurchschnittliche Länge auszeichnen und auch das verwendete Instrumentarium mit „Voice, keyboards, devices, acoustic things, broken things“ betitelt doch recht eigenwillig klingt, so bekommt der interessierte Hörer, dem Ka-Spel bisher kein Name war, hier dennoch einen sehr guten Einstieg in das neuere Schaffenswerk dieses außergewöhnlichen Musikers geboten. Mitten im Stück, so klingt es jedenfalls, beginnt das Album. „The Beast with Six Fingers“ zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Ka-Spel sich im Jahr 2010 anhört: das Keyboard gibt laute, in die Länge gezogene, basslastige Töne von sich und die, wie zu erwarten war, elektronisch erzeugten Drums knarren in verzerrter Form vor sich hin, während Edward mit leicht gedämpfter, manipulierter Stimme einen, wie der Titel vielleicht vermuten lässt, von einer religiösen bzw. religionskritischen Natur gezeichneten Text singt. An dieser Stelle könnte man erwähnen, dass aktuelles Zeitgeschehen in seinen Texten nur ganz unregelmäßig zur Sprache kommt, dieser hier aber doch zumindest stellenweise den Anschein erweckt, als würde er u. a. auf sexuell ausschweifige Gottesvertreter, die nicht in Enthaltsamkeit zu leben wussten, Bezug nehmen, wie sie in letzter Zeit häufiger an die Öffentlichkeit gezerrt wurden. Der Atmosphäre halber gesellen sich zu der eigentlichen Melodie noch einige stimmungsvolle Details, die dafür sorgen, dass dieser Opener auch nach etlichen Wiederholungen nicht langweilig wird. Überhaupt ist das hier rein musikalisch in meinen Augen eines der schönsten Lieder, die Ka-Spel in seiner nun schon über dreißigjährigen Laufbahn geschrieben hat; vor allem der Mittelteil („O Father...), in dem er für kurze Zeit mit viel Hall in der Stimme in einem sehr hellen, jungenhaften Ton singt – was mit etwas gutem Willen als weiteres Indiz gewertet werden könnte, das die obige Deutung unterstützt –, ist wirklich ganz wundervoll. Für den am Anfang desselben Jahres erschienenen „Twisted Cabaret“-Sampler hat Edward mit dem Rest der Band einen exklusiven Beitrag aufgenommen, der den Titel „Man or Mouse“ trägt. Ein niedlicher Popsong von gut sechs Minuten mit denkbar simplen, aber eingängigen Melodien, der noch mal eine andere Facette der Pink Dots jüngerer Tage aufzeigt und sich trotz seiner Simplizität weigert, schnell langweilig zu werden und einfach „ausgehört“ zu sein. An dessen Exklusivität hat sich bisher nichts getan, was mir eigentlich auch fair erscheint, dafür hat er im Alleingang eine alternative Version eingespielt, die nun hier auf „The Minus Touch“ gelandet ist. Im direkten Vergleich lassen sich durchaus hörbare Unterschiede feststellen, das ganze Lied ist neu eingespielt worden, sodass beim Hören schnell klar wird, wo die Band denn nun mitgewirkt hat und wo nicht, die Vocals sind anders abgemischt und tauchen an unterschiedlichen Stellen auf, aber an sich ist die Vorlage leicht erkennbar. Ich mag beide Fassungen und würde keine der anderen vorziehen, denn einsame Spitze sind beide. „Altered State“ mag einem sehr bekannt vorkommen und das mit gutem Recht: die Melodie, die anfangs verwendet wird, ähnelt einer verfremdeten Version von „Scarlett Cross“ vom „The Blue Room“-Album, sodass ich erst am Zweifeln war, ob die beiden nicht komplett identisch wären. Ist dann aber doch nicht der Fall und wahrscheinlich auch bloß ein Zufall, weil die Tonfolge nicht die komplexeste ist. Das wertet das Lied aber in keinster Weise ab, zumal es nicht bei dieser einen Melodie bleibt, diese aber nach kurzer Zeit stark in den Hintergrund rückt und um kurze Klaviertupfer hier und da ergänzt wird, bis sie der anschließenden maritimen Idylle vollkommen weicht. Doch nicht lang und eine beunruhigende Klangwand macht sich breit, die dann aber auch schnell von traurigem Klavierspiel und einer überaus seltsame Geräuschkulisse aus Partytröte, elektronischem Brummen und kristallinem Feenzauber abgelöst wird, nur, um in einer meditativen Ambientfläche zu kulminieren, die bis zum Ende des Stückes anhält. Auf jeden Fall eines der seltsameren Lieder auf „TMT“ und in dieser Form auch gar nicht so untypisch für den Interpreten, aber nicht ein bisschen schlechter als der Rest. Den einzigen Gastauftritt auf diesem Album hat Alena Boikova, mit der Edward in den letzten Jahren schon gelegentlich kollaboriert hat, u. a. im Zuge der beiden Ulkomaalaiset-Alben mit Martin Heuser und zuletzt als Duo auf „Red Sky at Night“, und die er anscheinend inzwischen sogar geheiratet hat. Das Klavier auf „Altered State“ ist ihres, zudem hat sie einen kurzen gesprochenen Part im letzten Stück, „Kill It“, das mit knapp vierzehn Minuten auch das längste ist. „Kill It“ ist bereits zwei Jahre zuvor auf „Frozen Sky“ von Skinny Puppys cEvin Key erschienen, übrigens ein weiterer Mitverschwörer Ka-Spels, mit dem er schon seit vielen Jahren als The Tear Garden zusammenarbeitet, und trug den Namen „A Certain Stuuckey“. Die Gemeinsamkeiten befinden sich aber vornehmlich im Text, so scheint es, denn der folgt nämlich, von zwei heruntergepitchten Monologen abgesehen, derselben Idee wie das, nun ja, Original – eigentlich ist „Kill It“ schon wieder zu eigenständig, um als genuine Coverversion durchzugehen –: die Frau bittet ihren Angetrauten: „Kill it.“ Dieser plädiert dafür, es am Leben zu lassen, worauf sie immer wieder gefühlskalt ihre Worte wiederholt: „Just kill it.“ Darüber hinaus, dass die Lyrics wie gesagt nur noch thematisch an „A Certain Stuuckey“ gemahnen, macht das gut abgestimmte Wechselspiel zwischen Alena und Edward die ganze Diskussion weitaus glaubwürdiger, als es zuvor der Fall war, als der Prophet allein den gesamten Text gesprochen hat. Musikalisch orientiert sich das Lied nur sehr frei an seiner Vorlage, deren abstraktes Rhythmusgewirr ist hier nämlich nicht vorzufinden, dafür ein grausames, desorientierendes Gemisch aus Texturen, Drums, Geräuschen, Lärm und einfach nur blankem Chaos im besten Sinne. Die letzte Minute, eine Art „Hidden Track“, die die beiden Protagonisten bei der Aufnahme zeigt, lachend und leichten Herzens, gibt dem ganzen Album dann zum Schluss doch noch mal einen leicht erhellenden Anstrich und wirkt auch sehr sympathisch, ein Attribut, das sich so gar nicht auf den Rest des Albums anwenden lässt. Warm und flauschig hört sich diese Musik nur selten an, vor allem aber ist sie kalt und hart und auch nicht immer leichtverdaulich. Nun hat auch ein E. K.-S. seine schwachen Momente, liefert weniger überzeugendes Material ab als sonst und lässt den Elan vergangener Glanzmomente vermissen, doch „The Minus Touch“ ist ganz große Klasse, kräftig, voller Intensität, vereinnahmend und mit einem sehr hohen Wiederhörwert. Manches in den kürzeren Stücken hätte man gewiss noch ein bisschen ausreizen und ausbauen können, aber das ist auch nur mein persönlicher Eindruck. Nun hat Edwards „record label of choice“ bereits Vermerke in seiner Diskographie für eine Vinylausgabe von „The Minus Touch“ (hoffentlich als 2LP mit Bonus-Longtrack auf Seite D) und ein komplett neues Album, „A Pleasure Cruise Through 9 Dimensions“, auf die ich bereits sehr gespannt bin. Worauf ich aber ebenfalls gespannt bin, ist, ob er dazu in der Lage ist, diesen Langspieler noch zu übertreffen. Leicht hat er es sich jedenfalls nicht gemacht.
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