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Der ultimative Kulturschock dürfte es wohl sein, wenn man wie ich erstmal Jethro Tulls Thick as a Brick hört und direkt danach dieses Album auflegt. Gleiche Band, aber eine völlig andere Musik. Wäre da nicht die Andersons Stimme und die Flöte, könnte man meinen, man habe es mit einer beliebigen Synthpop Band der 80er zu tun. Ja, sie haben ihren Sound drastisch geändert. Dass sich die Band den elektronischen Klängen zuwendet, hat man auf den vorigen Alben A und The Broadsword and the Beast gehört, trotzdem gab es da noch die typischen Folkanleihen. 1984 erschien dieses Album und spaltete die Fans der Band in zwei Lager. Nicht nur hat man praktisch alles, was Tull ausmachte, den Folk, den progressive Rock über Bord geworfen, sondern auch noch direkt den Schlagzeuger hinterher. Es gibt kein echtes Schlagzeug, alles kommt von einer Drum Machine. Ob das alles nun mutig oder wahnsinnig ist, bleibt diskussionswürdig. Klar, jede Band muss sich mal verändern, wenn man immer das gleiche bringt, geht man entweder unter oder heißt AC/DC. 15 Songs bei einer Spielzeit von einer Stunde werden geboten. Drei bis vier Minuten Songs sind die Norm. Hauptgrund für die Änderungen dürfte wohl der seit dem Vorgängeralbum dabei gewesene Keyboarder Peter-John Vettese sein. Dieser hat schockierenderweise sogar am Songwriting teilgenommen (Obwohl sonst ja immer Ian Anderson allein schrieb) Stürzen wir uns einfach mutig rein und drücken die Playtaste. Lap of Luxury macht mit der Drummachine und den Synthies deutlich, wo es lang geht. Der Anfang klingt wie das Theme einer Miami Vice ähnlichen Serie. Wobei das gleiche auch für das nächste Lied Under Wraps #1 liegt, aber hier fühle ich mich eher an ein Amigaspiel erinnert. Wären da nicht Barres Gitarre und die immer wieder sich einmischende Flöte und der typische Gesang könnte man tatsächlich annehmen, es hier mit einem Album von Ultravox oder Human League zu tun zu haben. Das muss ja nun nicht unbedingt etwas schlechtes sein, aber irgendwie passt das einfach nicht zu dieser Band. Da ist Under Wraps #2 schon fast eine Sensation, kombiniert es Akustikgitarren mit dem typischen Feeling, welches man dieser Band eher zugesteht. Das soll nun nicht heißen, das Under Wraps ein schlechtes Album ist, auch wenn es gern als solches bezeichnet wird. Die Songtexte gehen in Ordnung und sind trotz aller Mitschreiberei der anderen Bandmitglieder noch typischer Ian Anderson Stoff und wenn man sich mit diesem 80er Jahre Sound anfreunden kann, findet man ein nettes, wenn auch sehr unspektakuläres Album wieder. Man kann es problemlos hören, aber wirklich hängen bleibt leider kein Song und das ist wohl das Hauptproblem. Denn würde man hier einen Song wie Aqualung, Locomotive Breath oder Skating Away vorfinden, würde Under Wraps wohl wesentlich weniger harsche Kritik abbekommen. So ist das Album keine Glanztat aber auch kein Totalausfall. Ratsam für Komplettionisten der Band oder Leute, die 80er Jahre Synthpop und Electro Rock mögen.
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