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So einige Anhänger älterer Generationen haben im Laufe der Jahre das Genre des Neofolk für tot erklärt. Angefangen bei der spannenden Musik von Death in June, Sol Invictus und namhaften Konsorten, als deren Musik noch etwas ganz Neues, Eigenartiges und Innovatives mit viel Potenzial war, wurde nach und nach aus dem Neofolk ein langweiliger, gleichklingender Brei. Selbst die vormals noch positiv vermerkten Künstler, von denen man eigentlich meinen sollte, dass sie mit einem einfallsreicheren Songwriting als ihre zahlreichen Klone auffallen, haben ihre besten Zeiten schon längst hinter sich und rezitieren sich heute bloß noch selbst. So sieht die Welt jedenfalls in den Augen eines durchschnittlichen langjährigen Fans und Beobachters der illustren Szene aus. Nun fühle ich mich persönlich keiner Szene angehörig und stehe auch sonst keiner besonders nahe, weswegen mein Urteilsvermögen in der Hinsicht vielleicht nicht mit dem eines alteingesessenen Hörers mithalten kann. Worin ich mir aber sicher sein kann, ist, dass auch Ältere keinen Grund haben, neuere Werke aus “ihrem” Genre pauschal abzukanzeln; das hat genau einen Grund: Rome. Auf diesen Namen hört das Projekt des Luxemburgers Jerome Reuter, einem vormals unbekannten Gesicht in der Szene. Nach ersten Aufnahmen im Jahre 2005, die allerdings bis zur Veröffentlichung der Berlin-EP Mitte 2006 in der Schublade lagen, erschien bereits im Oktober das erste Album, Nera. Der vorliegende Rezensionsgegenstand mit Namen Confessions d'un Voleur d'Âmes erschien dann im April 2007. Dass der Mann in so kurzer Zeit gleich eine EP und zwei Alben à 45 Minuten rausbringt, erlaubt zwar noch immer keinen vollwertigen Vergleich mit einem gewissen Dänen aus einem anderen Genre, der seit seinem Comeback 2005 regelmäßig eine unmenschliche Arbeitswut an den Tag legt (die zu toppen wäre so oder so ein Ding der Unmöglichkeit), ist aber schon eine reife Leistung, und das ganz besonders in Anbetracht der Ausnahmeleistungen, die Reuters Alben darstellen; das gilt natürlich auch für Confessions.
Ehrlich gesagt habe ich ein wenig geflunkert, als ich Rome im Neofolk einplatziert habe, denn eigentlich stimmt das so nicht hundertprozentig. Man sollte die Musik eher als eine sehr originelle Mixtur aus Dark Wave, Ambient, Martial Industrial, Military Pop und nicht zuletzt Neofolk ansehen und nicht versuchen, sie irgendwie in ein einziges Genre zu pressen; einfaches Schubladendenken würde ihrer Vielfalt einfach nicht gerecht werden, so man denn bei den klassischen Genres bleiben und sich keine neue Stilbezeichnung ausdenken möchte. Das galt schon im weiteren Sinne für die bisher rausgebrachten Tonträger und das tut es bis zum heutigen Tage - “im weiteren Sinne” natürlich, weil von Mal zu Mal eine klare Weiterentwicklung stattgefunden hat.
War die Musik auf Nera noch recht stürmisch, geht es auf Confessions, was den Großteil der Lieder anbelangt, eine ganze Ecke ruhiger zu. Das merkt man vielleicht noch nicht so sehr am Opener, Ni Dieu Ni Maître, das sich doch wesentlich mehr am Begriff “Musik” orientiert als das Intro des Vorgängers. Gesang ist hier kaum vorhanden, dafür jede Menge Samples, worauf ich später noch eingehen werde, und dadurch, dass man hier so sehr auf martialische Klänge setzt, eine apokalyptische, fast schon soundtrackhafte Atmosphäre.
Eigentlich beweist der Herr Reuter auf Confessions, dass sein Projekt nicht unverdient von großen Teilen der nationalen und internationalen Presse in höchsten Tönen gelobt wurde (über die Individuen, die grundsätzlich gegen die Mehrheit sind, wollen wir doch mal lieber den Mantel des Schweigens hüllen); auf seinen Alben häufen sich nicht nur großartige Songs, Rome selbst ist ein einziges Highlight. Ein einzelnes Lied reicht nicht aus, um Rome zu charakterisieren, dafür ist die Scheibe (sorry für diesen jugendlich anbiedernden Ausdruck, aber allzu redundant möchte ich meine Sprache auch nicht sein lassen) in ihrer Songauswahl zu facettenreich, ebensowenig lassen sich so die wahren Qualitäten des Albums feststellen, gleichwohl die Songs für sich genommen schon beeindruckend sind. Anstelle dessen bilden alle zwölf eine Einheit und sollten nach Möglichkeit am Stück gehört werden.
Dem Vorgänger steht das bereits erwähnte instrumentale Intro Ni Dieu Ni Maître, das tatsächlich noch diesen militärischen Ton von Nera besitzt, noch am nächsten, das ist wahrscheinlich auch noch in derselben Session entstanden. Ebenfalls nicht allzu originell, wenn auch klasse umgesetzt, ist das folgende The Consolation of Man, das sich stark nach Death in June zu seinen besten Zeiten und mit einem tatsächlichen Sänger anhört; die zweieinhalb Minuten, die der Song andauert, sind eigentlich gut getroffen, so ist er weder zu lang noch zu kurz. Danach (genau genommen, nachdem der eher nichts sagende Einminüter unter dem Namen Le Carillion vorüber ist) fängt für mich das eigentliche Album an. Was folgt, sind meist sehr hörbare, sehr abwechslungsreiche und hochwertige Songs, die ins Ohr gehen. Insofern ist es nicht komplett verkehrt, die Musik, wenn auch nicht pauschal, als Überbegriff unter dem Namen “Pop” laufen zu lassen - das wird bloß dadurch verhindert, dass sie einerseits ein Stückchen zu düster (wenn auch nicht so sehr wie das Vorgängeralbum), um als herkömmliche Popmusik bezeichnet zu werden, andererseits von der inhaltlichen Seite betrachtet wenig massentauglich ist; darauf komme ich später noch zurück.
Erst einmal wollte ich ein paar Worte zum Part des Sängers loswerden, den der Rome-Frontmann, bedingt durch den Solocharakter seines Projektes, ebenfalls übernimmt. Jeromes Stimme ist bloß noch traumhaft: sie ist düster, aber sehr melodisch und warm und seine für sich genommen schon spitzenmäßige Musik lebt erst von seinem Gesang; wobei man das, was er auf seinen Veröffentlichungen demonstriert, eher aus eine Mischung aus Sprechen und Singen bezeichnen kann; ich habe ganz bewusst den Terminus “Sprechgesang” vermieden. Sicher, er kann damit nicht alles singen und die Experimente halten sich hier auch in Grenzen, das verschlechtert den Gesamteindruck aber nicht, im Gegenteil. Würde er versuchen, z.Bsp. einen auf David Tibet zu machen und verschwörerisch flüstern, seine Texte rezitieren oder ggf. mit verzerrter Stimme sprechsingen, wäre das der Qualität eher abträglich. Solche Dinge sollte er dann eher seinen Genrekollegen wie Obengenanntem (falls man “Genrekollege” denn so sagen kann, den Grund dafür habe ich ja bereits genannt) überlassen, was er zum Glück auch getan hat.
Das Wichtigste, die Musik, ist das, was sie auch schon auf Nera war: Spitze. Mit Der Wolfsmantel bspw. hat man noch eines der wenigen Lieder, das auch schon auf erwähntem Langspieler hätte stehen können. Harsche, treibende Industrialklänge neben Jeromes wie gesagt fantastischem Gesang, dazu dann im Hintergrund eine Melodie, die hier mehr als Mittel zum Zweck dient... wunderbar. The Joys of Stealth dagegen ist mit seinen melancholischen Klängen und der vorsichtigen Perkussion eher ruhig und stellt auch eines meiner persönlichen Highlights dar, genau wie Titel Nummer 10, Novemberblut. Das hier ist bedrückender Dark Ambient mit gelegentlicher Pianountermalung und gespenstischen Samples und Sounds, die sich durch das ganze Stück ziehen. Eigentlich ist das gesamte Album ein einziges Highlight, sollte aber irgendwann mal das Schicksal der Menschheit davon abhängen, dass ich mich für ein bestimmtes Lied entscheide, würde das Ergebnis meiner Wahl wahrscheinlich Querkraft sein. Querkraft ist das poppigste und abwechslungsreichste Stück des gesamten Longplayers; hier entfaltet sich Jeromes Gesang, der hier mehr in Richtung von tatsächlichem Gesang geht, voll und ganz. Ich könnte noch viel mehr zu den Songs schreiben, da würde ich aber auf Grund meines weniger ausgeprägten Talentes, sie alle zu beschreiben, in einer Sackgasse landen.
Bevor ich jetzt zum Fazit komme, sind da noch die Texte, wie versprochen. Sie sind poetisch, aber auch tiefgehend und kritisch, und teilweise verbirgt sich darin auch ganz Großes. Zeilen wie “Now everything just seems about to break / 'cause people don't need proof when they have faith” aus Novemberblut sprechen da für sich; vielleicht ist es nicht richtig, die beiden Zeilen aus dem Zusammenhang rauszureißen, hier wollte ich sie aber mal als Beispiel stehenhaben. Besser kann ich die Lyrics jedenfalls nicht beschreiben, Interessierten empfehle ich daher, einfach mal auf der MySpace-Page von Rome nachzusehen (ein richtiges Booklet mit Texten wurde meines Wissens erst mit dem Folgealbum eingeführt), sich selbst eine Meinung zu bilden und bei Gefallen der dortigen oder anderswo präsentierten Hörproben das Album zu kaufen.
Zum Schluss sei gesagt: bei Confessions d'un Voleur d'Âmes wäre es eine gnadenlose Untertreibung, es bloß ein sehr gutes Album zu nennen. Es ist (hat jemand gezählt, wie oft ich den Ausdruck schon in meinen Reviews verwendet habe?) fantastisch und nach meiner bescheidenen Meinung sogar noch ein Stückchen besser als Nera, das ohnehin schon große Klasse ist. Es gibt nur eines zu kritisieren, das ist für mich aber ein wirklich sehr gewichtiger Punkt, der auch für den restlichen Output gilt oder gelten dürfte: das Album ist zu kurz. Bei anderen Interpreten mag eine Dreiviertelstunde Musik ausreichen, aber hier habe zumindest ich oft das Gefühl, dass ich gerade mal die Hälfte der angegebenen Spielzeit gehört habe, da sind die 45 Minuten schon vorbei. Das ist der einzige Grund, weshalb ich keine höhere Note vergebe, so gerne ich es auch täte. Für das vierte Album, das dann nach dem bisherigen Rhythmus 2009 erscheinen dürfte, würde ich mir bei mindestens gleichbleibender Qualität eine Laufzeit von einer Stunde oder sogar noch mehr wünschen, darauf würde ich dann auch ein halbes Jahr länger warten. Dann klappt es auch mit einer höheren Punktzahl.
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