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Rome - Masse Mensch Material PDF Drucken
Geschrieben von triple   
15.05.2010

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Es gibt viele sehr gute Bands, aber nur wenige, die genial sind. Was sich wie ein Zitat aus einem dieser unsäglichen Waschzettel der Musikindustrie liest, in dem mit Superlativen, leeren Phrasen und geheimnisvoll anmutenden Fremdwörtern nur so um sich geworfen wird, ist im Falle von Rome blanke Realität. Natürlich kann man sich immer noch darüber streiten, was Realität ist – und diese Streitfrage zu einem Konflikt zutiefst philosophischer Natur ausarten lassen, was ich hier aufgrund der Irrelevanz dieser Frage in diesem Zusammenhang nicht versuchen werde -, deswegen besänftige ich die aufgebrachten Gemüter, die meine Meinung nicht teilen, damit, dass ich von meinem Wirklichkeitserlebnis rede. Denn ich kenne in der Tat viele gute Künstler, aber nur wenige, die, sobald sie ein neues Release ankündigen, in mir eine derartige Unruhe verursachen, dass meine Gedanken die nächsten Minuten bis Stunden nur um diese Neuveröffentlichung kreisen. Die Formation um den Luxemburger Jerome Reuter hat seit 2006 drei EPs und vier Alben veröffentlicht und jetzt, im Jahr 2010, steht ein viertes Album an, das den Titel Nos Chants Perdus trägt. Die Möglichkeit der Vorbestellung, der ich erst vor Kurzem gewahr wurde und die, wie schon gesagt, für einigen Wirbel in mir gesorgt hat, hat mich dazu inspiriert, noch mal zurückzublicken auf die LP, die, wie es scheint, bis heute der unumstrittene Favorit vieler Fans ist.

Masse Mensch Material ist das letzte Release vor dem Weggang von Cold Meat Industry hin zum "Indie-Major" Trisol. Rome waren noch nie unhörbar, von den Geräuschkollagen-Intermezzi, die auf jedem Album vertreten sind, mal abgesehen, aber mit jedem neuen Langspieler öffnen sie sich mehr und verändern sich. Auch die im Januar erschienene EP L'Assassin weist überdeutlich auf eine erneute Veränderung hin. Man kann zwar sagen, dass die bisherigen Sachen auf Trisol massentauglicher sind, aber Ausverkauf oder Szeneverrat kann man Rome nicht vorwerfen, dafür waren sie noch nie so engstirnig, sich auf eine Szene oder den musikalischen Untergrund zu begrenzen. Grob gesehen werden sie zwar oft in den Neofolk eingeordnet, das ist aber nur bedingt richtig. Masse Mensch Material (bin ich übrigens der Einzige, dem die Ähnlichkeiten zu Masse – Mensch von Ernst Toller aufgefallen sind? Beim Untertitel "Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts" kann ich mir nicht vorstellen, dass das bloßer Zufall ist) ist Folk, ganz klar, aber auch Neoklassik, Military Pop, ganz allgemein Pop, Dark Ambient und das alles mit einem gewissen Bombast obendrein.

Noch ist Rome hier ein Duo: neben dem bereits genannten Protagonisten mit der düsterromantischen Stimme, die gleichzeitig, was ebenfalls beeindruckend ist, seiner Sprechstimme ähnelt, ist hier noch Patrick Damiani mit von der Partie, den einige vielleicht von seiner Arbeit mit der Viking Metal-Gruppierung Falkenbach kennen. Dieser arbeitet mehr hinter den Kulissen, leistet aber wie schon auf dem Vorgänger Confessions d'un Voleur d'Âmes gute Arbeit, indem er Romes Klangbild so bereichert, wie er es nun mal tut. Die Songtitel sind allesamt auf Deutsch gehalten, leider wurde jedoch keiner der Texte in dieser Sprache verfasst, von der kurzen, aber doch recht eindrucksvollen Rezitation des Albumtitels auf Kriegsgötter ab. Wie gehabt ist alles auf Englisch und da frage ich mich dann schon: wieso nicht mal was auf Deutsch? Diese Sprache hat viel zu bieten und würde außerdem hervorragend ins Konzept passen, also sehe ich nicht, was daran so verkehrt ist, mal einen deutschen Text einzubinden. Bis jetzt hat man sich aber in dieser Hinsicht auf die immer wieder auftretenden Samples beschränkt. Nun gut, das muss jetzt nicht zwangsläufig ein Nachteil sein, doch sollten die Jungs diesen Text hier wider Erwarten irgendwann lesen, sollen sie sich darüber im Klaren sein, dass sie auch für deutschsprachige Texte ein Forum haben. Andererseits bin ich natürlich dafür dankbar, dass es bloß Englisch ist, wenn man bedenkt, dass die Herren auch auf die Idee hätten kommen, auf Französisch zu texten. Schauder.

Wenn ich es mir einfach machen wollte, könnte ich jetzt einfach konkludieren, dass es sich hierbei um ein gutes Album handelt, ein wahres, ein schönes, aber schon im Deutschunterricht sollte man von den drei Bs erfahren haben: Behauptung, Begründung, Beweis. Um eine Tatsache handelt es sich bei dieser Äußerung nicht, also fällt der Beweis weg. Jetzt bleibt nur noch die Begründung und die besteht aus ein paar Songbeispielen, die ich im Folgenden geben werde, um meinen Ansichten etwas mehr Nachhaltigkeit zu verleihen und eventuellen Käufern die Entscheidung etwas leichter zu machen.

Das Feuerordal ist ein sehr schönes Stück Volksmusik im ursprünglichen Sinne des Wortes. Die Akustikgitarre, die in diesem Genre gerne im Mittelpunkt stehen sollte, wird hier unterstützt von den besagten Samples im Hintergrund, teilweise von einem kurzen Pianoloop und einfacher, schwer-, aber doch recht auffälliger Percussion, die das gleichfalls simple wie schöne Gitarrenspiel nur bereichert. Hinzu kommt der wie immer ausgezeichnete Gesang, was ich stellvertretend für das restliche Album schreibe.

Bei aller Liebe ist es aber kaum zu vermeiden, dass ich irgendwann auf die nicht sonderlich beeindruckende Klangqualität zu sprechen komme, die wohl der größte Malus der Scheibe ist. In oben genanntem Beispiel wird das besonders deutlich und das Ganze ist einfach kein Vergleich zum Nachfolger Flowers in Exile, das in dieser Hinsicht schon wesentlich ausgereifter klingt. Vielleicht wäre es ratsam gewesen, sich ein paar Tage mehr Zeit zu nehmen, um daran zu feilen, denn gerade im direkten Vergleich, aber auch so ist dieser Makel überdeutlich, selbst dann, wenn man das klangliche Geschehen über billige Ohrstöpsel verfolgt. So, wie es hier ist, hört sich das Album einfach bloß dumpf und schwammig an. Das Problem hatten aber auch schon die Vorgänger, nur empfinde ich es in manchen Liedern als deutlich störender, gerade, wo MMM mehr auf akustisches Material setzt. Das wäre im Übrigen auch eine Entwicklung, die sich durch die kleine, aber feine und zum Glück oder vielleicht auch Unglück bisher offenbar komplett ohne Skandale ausgekommene Karriere (jetzt bei Trisol sowieso nicht mehr, bei deren trotz der allgemein vorherrschenden Schwärze "sauberen" Image wären Ausfälle wie die im Neofolk üblichen, meist schwachsinnigen Nazivorwürfe für die betreffenden Künstler ein Genickbruch) zieht: mit jedem Album verliert das Elektronische an Bedeutung.

Dafür muss ich aber sagen, dass auf der anderen Seite die Musik selber überzeugt. Wie sollte es auch anders sein bei Rome? Wir Moorsoldaten, das zwar nicht musikalisch, aber dafür inhaltlich mit dem bekannten Moorsoldatenlied ist, ist ein sehr schönes Beispiel für das Genre der Neoklassik. Besonders eindrucksvoll ist hierbei das lange Sample nach zweieinhalb Minuten, das bei mir regelmäßig für Gänsehaut sorgt. Der Erscheinungen Flucht – das Stück, nicht die Beobachtung der plötzlichen Absenz von Phänomenen – hat mich anfangs sehr überrascht. Wo anfangs Gesang und melancholisches Akustikgitarrenspiel dominieren und das Klavier nur ganz zurückhaltend alle zwei bis drei Sekunden einen tiefen Ton von sich gibt als Ersatz für das nicht vorhandene Schlagzeug, übernimmt es später, der wie üblich einfache, aber wirkungsvolle Beat setzt ein, Kindergeschrei, das sich aber schon nach kurzer Zeit in reines Quietschen auflöst. Mit diesem Lied und besonders mit der zweiten Hälfte, hat der Herr Reuter eine seiner bisher großartigsten Gesangsleistungen dargelegt. Einfach klasse.

Natürlich hat jede Band ein paar Songs, die weniger gefallen, aber die haben sich bisher immer stark im Hintergrund gehalten. Das vierminütige Neue Erinnerung wäre so ein Fall, da kriegt der Hörer von der ersten bis zur letzten Sekunde dieselbe Melodie, wieder mal auf Gitarre gespielt, geboten ohne nennenswerte Abwechslungen. Das Lied ist nicht schlecht, aber viel zu monoton, das entspricht niemals der Klasse des restlichen Albums, das langweilige Industrial-/Noise-Intermezzo Der tote Spielmann ausgeklammert.

Generell ist MMM aber ein sehr starkes Album mit ein paar Mängeln, die einer guten Wertung aber nicht im Wege stehen sollen. Eines jedoch: diese CD mag vielleicht als Romes beste gelten, aber ich persönlich sehe es eher so, dass jede Veröffentlichung ein weiterer Schritt nach vorne war. Flowers in Exile gefällt mir musikalisch besser und die neue EP, L'Assassin, deutet eine ähnliche qualitative Richtung an. Nichtsdestoweniger:

Bewertung
8,5/10
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Letzte Aktualisierung ( 15.05.2010 )
 
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