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Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows - Ich töte mich jedes Mal aufs Neue... PDF Drucken
Geschrieben von triple   
07.06.2008
Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows - Ich töte mich jedes Mal aufs Neue, doch ich bin unsterblich und ich erstehe wieder auf... - in einer Vision des Untergangs

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Ende der 80er bis Anfang der 90er haben Gothic und Dark Wave ihren Zenit erreicht. Viele der besten und einflussreichsten Bands des Genres haben hier das Licht der Welt erblickt. Zum Teil musizieren diese immer noch, sind aber oftmals entweder im Laufe der Jahre verflacht oder haben ihre Stilrichtung geändert. Auf die allermeisten Gruppen trifft ersteres zu, ein Paradebeispiel letztgenannter Fraktion stellt Sopor Aeternus dar. Von 1989 bis 2008 hat man so einiges mal die Seite gewechselt und konnte dabei immer wieder für positive Überraschungen sorgen und die Fangemeinde ein aufs andere Mal befriedigen (auch wenn doch einige der alten Fans dabei sind, die sich mittlerweile bloß noch Neues von Sopor kaufen, um wieder sagen zu können, dass früher alles besser war). 1994 war die Fanfraktion allerdings noch kleiner, als sie es heute ist, was wohl daran liegt, dass Gothic damals keine Massenkultur war und auch nicht jedem Dahergelaufenen Zuflucht bot. In diesem Jahr erschien dann auch, fünf Jahre nach der aus Budgetgründen streng limitierten Debut-EP Es reiten die Toten so schnell, das erste offizielle Release bei einer Plattenfirma: Ich töte mich jedes Mal aufs Neue, doch ich bin unsterblich und ich erstehe wieder auf... - in einer Vision des Untergangs. Nachdem die Erstauflage irgendwann ausverkauft war, erschienen dann schließlich weitere Editionen, ab der zweiten mit sieben Bonustracks.

Eigentlich ist Ich töte mich kein richtiges Album im klassischen Sinne, sondern eher eine Ansammlung von Demos aus dem Zeitraum zwischen der Gründung von Sopor und der Veröffentlichung des hier besprochenen Gegenstandes. Dadurch, dass dieser Fakt auf dem Booklet
neuerer Auflagen vermerkt ist, fühlten sich bisher einige Fans an den Kopf gestoßen, was ich absolut nicht nachvollziehen kann. Ich töte mich ist der ideale Beweis dafür, dass Demosongs nicht qualitativ minderwertig und unfertig sein müssen, wie der Name vielleicht suggeriert, sondern im Gegenteil sogar noch besser als manche Werke anderer Künstler aus der selben Zeit sein können. Nach objektiven Kriterien ist das Album, soweit es sich nun so messen lässt, eher schlecht: die meisten Songs haben ein mal mehr, mal weniger deutliches Rauschen und mitunter auch Fiepen an sich und auch sonst sind die Aufnahmen nicht gerade perfekt: so haben die Synthies in einigen Liedern ein generelles “Flackern” an sich, sobald die Töne etwas länger gehalten werden, auch sind die Vocals an gewissen Stellen ziemlich schwammig oder leise geraten. Im letzten Track, dem originalen Demo von Birth - fiendish figuration, hakt das Stück sogar für kurze Zeit und ruckelt technikbedingt vor sich hin, desweiteren schwankt die Lautstärke der Synthesizer für ungefähr eine halbe Minute. Das ist aber auch der einzige Punkt, in dem die Songs des Albums ihrer Bezeichnung gerecht werden: die Aufnahmequalität. Dem Songwriting allerdings merkt man nicht das Geringste an, es befinden sich unter den insgesamt 14 Liedern viele wirklich geniale Stücke auf der CD. Das Ganze ist noch waschechter Gothic mit Seele, so, wie er sein muss. Weltschmerz, Resignation und Zuflucht in spirituelle Gefilde prägen das, was man eigentlich trotz der Tatsache, dass es sich hierbei mehr um eine Compilation handelt, schon fast als Gesamtkunstwerk betrachten könnte. Die Texte haben noch nicht ihren späteren Charakter angenommen und kommen nach meiner Ansicht teilweise auch etwas unbeholfen daher, sind aber dennoch meist sehr poetisch auf eine düstere Art und Weise.

Ein Lied wie Tanz der Grausamkeit, welches wohl DAS Lied ist, mit dem man Sopor auf ewig verbinden wird, ist einfach ein Archetyp der musischen Künste im Underground Anfang der 90er. Der anfangs stark dominante Bass mit seiner simplen, aber wirkungsvollen Bassline, der langsam vom anfänglich stark im Hintergrund stehenden Synthesizer abgelöst wird, das kalte und gefühlsarme Schlagzeug und Anna-Varneys warme, aber doch resignierte Männerstimme (allgemein ist auf dieser CD, ganz im Gegensatz zum Vorgänger, nicht unbedingt viel von Annas weiblicher Stimme zu hören) formen zusammen ein Stück Gothic, wie es im Buche steht. Zudem ist diese hier von den verschiedenen Versionen, die auf unterschiedlichen Releases existieren, die, die mir am besten gefällt und auch am eindrucksvollsten ist. Genau solche Lieder sind es, die durch eine mäßige Tonqualität noch besser werden und auch ehrlicher wirken. Ebenfalls der Atmosphäre zuträglich sind die Drums, die, wie schon auf dem Debut, womöglich aus Personalmangel grundsätzlich aus der Konserve kommen - dieser seelenlose Klang passt halt ins Gesamtbild, ein echt klingendes, von Menschenhand gespieltes Schlagzeug würde den Eindruck in diesem Fall eher ruinieren.

Ansonsten wäre da neben etlichen weiteren großartigen Stücken noch bereits erwähntes Birth - fiendish figuration, das hier in zwei Versionen vorkommt; es existieren zudem, nicht nur von diesem Lied, noch mehr, mir fallen auf Anhieb weitere 4-5 Stück ein, die zu einem späteren Zeitpunkt oder bloß auf mittlerweile gesuchten Samplerkassetten veröffentlicht wurden (was wohl daran liegt, dass zu der Zeit die Regel galt, dass jedes aufgenommene Stück irgendwie veröffentlicht werden musste, sei es gut oder schlecht, technisch makellos oder stark fehlerbehaftet). Ein recht geisterhaftes Stück, bei dem beide Aufnahmen auf dieser CD ihren ganz persönlichen Reiz haben. Weiterhin gibt es natürlich noch etliche großartige Lieder, die alle mehr oder weniger einzigartig sind, so wie die sakrale Gänsehautnummer Dark delight (das übrigens einem gewissen Victor Bertrand gewidmet ist, , das ebenfalls wunderschöne, ruhige und melancholische Time stands still (...but stops for no-one), das Reprise des Instrumentals Falling into different flesh namens Do you know my name?... letzteres ist sogar relativ tanzbar, ein Punkt, den einige ehemalige Fans dem 2004er La chambre d'echo ankreiden. Hier scheint dieser Umstand aber plötzlich in Ordnung zu sein. Na, wie auch immer... Eigentlich fällt mir als einziger schlechter Titel bloß der Opener Travel on breath (the breath of the world) ein. Das Ganze scheint mehr ein Intro als ein eigentliches Lied zu sein und ist in dieser Form auf keinem späteren Release anzutreffen: reines Geblubber, finsteres Ambientgedröhne und all das halt.

Außerdem enthält Ich töte mich noch drei Songs von Es reiten. Das ist aber bestimmt kein Grund, über den Erwerb dieser EP weiter nachzudenken, schließlich wurden sie hier vermutlich wegen der 80-minütigen Obergrenze einer herkömmlichen Kompaktdiskette leicht bis stark gekürzt. Das Dreierpack war damals wahrscheinlich für die gedacht, die das Debut wegen seiner kostenbedingten strengen Limitierung auf gerade mal 50 Exemplare, die zudem noch alle ausschließlich durch Mundpropaganda zu ihren Besitzern fanden, nicht erwischt haben. Mittlerweile gibt's mit dem in einem anderen Review bereits erwähnten Boxset Like a corpse standing in desparation bzw. den Re-Releases der enthaltenen CDs bessere Alternativen (ich kann das Paket zumindest als Box bedingunglos weiterempfehlen, gerade an Neueinsteiger, die sich einen kurzen Überblick verschaffen wollen. 70€ für das ausverkaufte Komplettpaket sind zwar kein Pappenstiel, aber der umfangreiche und vorzügliche Inhalt rechtfertigt das alles).

Bevor meine Beschreibungen noch zu weit ausschweifen, sollte ich besser auf den Punkt kommen: Ich töte mich ist eines der gelungensten Alben der 90er und zumindest im gotischen Teil des Undergrounds noch immer ungeschlagen, von eventuell folgenden Langspielern abgesehen. So viel Trauer und Hoffnungslosigkeit findet man in dieser Form kein zweites Mal. Manche Leute halten das ganze Getue um Suizid und dergleichen zwar für übertrieben oder vielleicht auch krank und in manchen Fällen mögen sie sogar Recht haben, hier aber nicht. Man nimmt Anna einfach ab, was er/sie singt, und auf therapeutischer Façon ist das sowieso schon mal alles gerechtfertigt. Die morbide Faszination dieses Longplayers ist jedenfalls ungeschlagen.

Bewertung
7,5/10
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Letzte Aktualisierung ( 07.06.2008 )
 
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