Home arrow Musik arrow Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows - La Chambre d'Echo 22 Mai 2012  
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Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows - La Chambre d'Echo PDF Drucken
Geschrieben von triple   
21.09.2008

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Was passiert, wenn insbesondere ein in bestimmten Kreisen angesehener Musiker mit alten Traditionen bricht, scheinbar widersprüchliche Elemente in seine Kunst einbringt und damit den Erwartungen von eingeschworenen Fanzirkeln, die die bisherige Musik des Künstlers sehr zu schätzen wussten und damit rechnen, dass alles beim Alten bleibt, den Mittelfinger zeigt? Die Antwort ist klar: die Fanlager werden gespalten. Der loyale Teil, der seine Lieblingsband bedingungslos schalten und walten lässt und auch Neues nicht scheut, bleibt dieser weiterhin treu, die konservative Fraktion hingegen motzt über allzu viele Dinge, die sich geändert haben, kommt mit der leidigen Kommerzkeule und klammert sich an bisherige Alben. Und neue Anhänger, die einen möglichst nahe liegenden Einstieg suchen, kommen natürlich auch noch dazu (ich persönlich sehe jedenfalls mit einem neuen Album oftmals die beste Gelegenheit, eine Band kennen zulernen). In welchem Ausmaß das nun bei Sopor Aeternus der Fall war, wage ich nicht zu sagen, aber an sich verliert auch genanntes Prinzip nichts von seiner Realitätsnähe. Im Jahre 2004 erschien ein weiterer Longplayer des Projektes, der mit La Chambre d'Echo -Where the Dead Birds Sing betitelt wurde. Eigentlich hätte dieser schon zwei Jahre zuvor erscheinen sollen, wurde aber von den erneut zunehmenden Depressionen des halb männlichen, halb weiblichen Protagonisten bis zwei Jahre nach dem Erscheinen der leicht prophetischen 2002er-Version von Es reiten die Toten so schnell hinausgezögert, welche Gründe die nun auch hatten. Das vorliegende Album ist zumindest vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet revolutionär, immerhin hat man sich hier einem komplett neuen Stil hingegeben, der so nicht mehr als angedeutet wurde. Von welcher Beschaffenheit dieser ist, erläutere ich im Folgenden.

Wo früher noch zu großen Teilen mittelalterliche Instrumente waren, die miteinander kombiniert für die treffende selbsterfundene Genrebezeichnung Medieval Doom Folk standen, befindet sich hier mehr elektronisches Instrumentarium als je zuvor. Die Musik ist zwar weiterhin handgemacht, aber nicht auf die Art und in dem Maße, wie sie es auf den Vorgängeralben war, im Klartext heißt das: von Keyboards/Synthesizern wird viel Gebrauch gemacht, sogar deutlich mehr als üblich, trotzdem haben Celli, Klarinetten, Violinen, Trompeten und derart auch weiterhin ihren festen Platz, sie werden nur anders gehandhabt und stehen nicht mehr so deutlich im Vordergrund wie bisher; so, wie es hier ist, gefällt es mir jedenfalls sehr.

Man kann dem Longplayer eine gewisse Tanzbarkeit nicht absprechen; nicht unbedingt auf die Art, die in den großen Gruftidiskotheken der Nation sonderlichen Anklang findet, aber doch eine gute Ecke von der bisherigen hauptsächlichen Handarbeit-Attitüde entfernt. Das soll aber bestimmt nicht heißen, dass keine Kopfhörerpflicht mehr besteht (oder, wenn diese Gerätschaften nicht vorhanden sind, dann zumindest die Pflicht, sich der Musik mit Hilfe einer vom Klangerlebnis vergleichbaren Alternative hinzugeben). Das tut sie auch hier noch, schließlich hat Anna-Varney nicht umsonst in einem verhältnismäßig aktuellen Interview geäußert, dass sie Musik für Kopfhörer macht und eben nicht für lärmige Tanzschuppen, wo sich die Leute stockbesoffen und unter Drogeneinfluss beim Tanzen auf die Zehen treten und/oder ins Krankenhaus prügeln (der Teil nach dem Komma stammt von mir - eingefleischte Discogänger mögen mir das Bild, das ich von derartigen Einrichtungen habe, nachsehen). Lange Rede, kurzer Sinn: ihre Musik hat an Tiefe nicht viel eingebüßt hat, diese äußert sich aber auf andere Art als bisher; ohne irgendwie dogmatisch klingen zu wollen, das ist natürlich bloß meine Meinung, es gibt auch viele gegenteilige Ansichten. Wo ich schon beim Thema “gegenteilige Ansichten” bin, sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass einige Kritiker die Dynamik von und vor allem seit La Chambre bemängelt haben, die im Vergleich zu den Vorgängern etwas kurz kommt. Sicher, wenn man mal ein paar Lieder, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sind, durch einschlägige Programme laufen lässt, wird man schon Unterschiede sehen können, aber selbst für geübte Ohren dürfte ohne technische Hilfsmittel keine übermäßig große Zunahme an Statik zu erkennen sein.

Bevor ich noch länger um den heißen Brei herumrede, will ich mal zum Punkt kommen. Es scheint, als hätte Anna sich hiermit ihren Wunsch erfüllt, eines Tages mal Popmusik zu machen. Dass die Musik auf La chambre diese Bezeichnung größtenteils verdient hat, lässt sich zumindest, was das instrumentale Erscheinungsbild angeht, kaum von der Hand weisen, dazu muss man einfach nur mal eine Nummer wie das wunderbare Imhotep (Schwarzer Drache mischt einen Sturm) ansteuern, das nicht nur komplett auf deutsch gesungen wird, sondern auch seiner vagen Genrebezeichnung in so einiger Hinsicht gerecht wird. Wenn man wirklich alle Facetten mit einbezieht, ist der Begriff “organische Elektro-Avantgarde”, wie der Stil werbewirksam vom Label bezeichnet wird, vielleicht treffend, aber die Musik hat nun mal einen ganzen Teil Poppiges an sich - zwar nicht unbedingt der belanglosen Art, wie sie täglich auf einschlägigen Radiosendern zu hören ist, aber doch schon im Vergleich zu den meisten Vorgängern Hörbares. Deshalb würde ich La chambre auch als eines der am leichtesten zu verdauenden Alben von Sopor Aeternus bezeichnen. Aber wie man es auch dreht und wendet, zurück bleibt ein umwerfendes Album, was die enthaltenen 14 Lieder (bzw. 13, wenn man das im Vergleich eher nutzlose 22-sekündige Feed the Birds abzieht) demonstrieren.Dass Imhotep ein sehr geniales Stück ist, habe ich ja bereits erläutert. Ein melancholisches Stück Electro Pop mit ein paar Brocken Gothic/Darkwave, einer Art New Age-hafter Ansätze und einer Atmosphäre, die allein Sopor zu Eigen ist. Zum Glück bleibt es nicht bei diesem einen Stück, da sind noch 13 weitere, die alle zu begeistern wissen, ganz besonders, wenn man sie trotz der eindeutig gesetzten Grenzen als ein einziges 72-minütiges Lied betrachtet. Da erscheint das Album dann noch mal in einem ganz anderen Licht.

Der längste Track ist hier Leeches & Deception und ist gerade mal neun Minuten lang; das Konzept von Anna-Varneys Projekt würde eh nicht viel mehr als die bisher erreichte Höchstlänge von zwölf Minuten zulassen, also kann das auch egal sein. Er startet recht verspielt, wenn auch alles andere als fröhlich, mit der üblichen Mixtur aus Elektronik und handgemachter Instrumentierung, bis nach vier Minuten, direkt nach dem Refrain, der wahrscheinlich morbideste und atonalste (wenn denn nicht jemand bessere Superlative für “morbid” und “atonal” kennen sollte) Teil des ganzen Albums kommt. Ein schwerer Herzschlag setzt an, knirrende Geräusche sind da, im Hintergrund wird unheimlich geschrien und gewimmert und über alledem rezitiert Frau Cantodea auf langsame und dramatische Art ihre Texte. Das dauert ungefähr zwei Minuten, anschließend wird man von einem energischen, erneut homogenen und aufbauenden Zusammenspiel von Synth und Perkussion, das dann bis zum Songende andauert, freundlich in Empfang genommen.

Oder man nehme The Encoded Cloister, das das Album eröffnet. Das ist mit seinem anfänglichen bösartig klingenden Bass, den immer stärker verzerrten Vocals, dem treibenden Schlagzeug, den leicht noisigen Ansätzen und dem fiesen Sopor Goth Electro eine absolute Ausnahmeerscheinung. Wann hat man denn sonst die Gelegenheit, die Begriffe “Sopor Aeternus” und “aggressiv” im selben Kontext miteinander logisch in Verbindung zu bringen? Rockig, ohne tatsächlich Rock zu sein, das schafft nicht jeder. Als viertes könnte ich noch Day of the Dead nennen, mit dem das Album abschließt. Außerhalb des Refrains ist es eigentlich im Stil des Großteils der verbleibenden Songs gehalten (natürlich mit genügend eigenem Charakter und auch nicht minder genial), genannter Refrain ist aber wirklich traumhaft schön: selten hat Anna-Varney so schön gesungen wie hier, und die Elektronik und die Klänge von pfeifenden Silvesterraketen und ähnlichen Neujahrsklängen (Sopor hat meines Wissens in 19 Jahren keine Samples verwendet, das hier sind alles bloß komprimierte, dafür sehr real klingende Schreie) tun ihr Übriges. Um den Rahmen nicht zu sprengen, werde ich es jetzt einfach mal bei der Beschreibung dieser paar Stücke belassen und stellvertretend für die restlichen Tracks sagen: keiner davon ist auch nur ein Stück schlechter; Feed the Birds sollte man, wie oben erwähnt, auslassen, das ist auch kein richtiges Lied.

Besonders von lyrischer Seite ist das Album sehr gelungen, auf La Chambre hat Anna viele ihrer besten, tiefsten und auch vielschichtigsten Texte. Das Deuten ihrer Lyrik war sonst immer so eine Sache: entweder ihr Inhalt ist recht eindeutig, wie es vor allem bei einigen Stücken des Dead Lovers' Sarabande-Doppelalbum oder der frühen Releases der Fall ist, oder es werden mehr als nur rudimentäre Kenntnisse zu gewissen esoterischen Themen vorausgesetzt, mitunter auch aus ihren Interviews, um sie richtig deuten zu können. Auf diesem Album finden sich zwar auch Texte, die zur zweiten Kategorie gehören (da könnte man u.a. The Encoded Cloister nennen, aus dessen Text werde ich bis heute nicht schlau. Ich bin mir nicht sicher, ob man das nicht hier als Lob werten könnte), ansonsten hat sie hier erstmals mit einer neuen Art von Poesie experimentiert, und die Resultate sind gelungen. Leeches & Deception scheint einige stark autobiografische Züge zu tragen: Anna-Varney zeigt sich hier von ihrer selbstironischen Seite und weist zwar mit verhältnismäßig klaren und einfachen Worten, aber trotzdem mit viel sprachlichem Feingefühl auf eine mögliche frühere Mitgliedschaft ihrerseits in einem Thelemitenorden hin. So etwas ist sonst eher selten, da kommt eine so realitätsbezogene Thematik wie der bisherige Lebenslauf eines Menschen, jedenfalls ein Teil davon, natürlich sehr überraschend. Ansonsten ist auch We Have a Dog to Exercise sehr tiefgehend, wenn man dessen Text nur mal genauer betrachtet: die Sprache wird hier ähnlich verwendet wie in obigem Stück, ist aber zu großen Teilen wesentlich vieldeutiger oder zumindest interpretationsfreudiger, thematisch kommt es mir eher tiefsinnig vor und steht damit im Widerspruch zu der fröhlichen, fast schon beschwingten Musik. Alles in allem scheint es aber, als hätte sich die Gute mit dem vorliegenden Album eine wirklich große Last vom Herzen geschrieben.

Stimmlich ist Anna-Varney diesmal ebenfalls in Höchstform. Der hexenhafte Gesang im Falsett mag fehlen, aber ansonsten hat sich ihre Stimme perfekt an die Musik angepasst und geht fast schon fließend darin über. Im Kontrast dazu steht höchstens die Geschlechterwahl in einzelnen Liedern, die manchmal nicht zu den abwechselnd weiblichen und männlichen Vibes passt - zumeist ist es mehr Varney als der Anna-Teil, der singt. Ganz deutlich wird das in The Encoded Cloister, das nach meinen bisherigen Ausführungen nicht so richtig zu dem femininen verzerrten Geschrei passt, das eine der größten Qualitäten des Stückes ausmacht.

Abschließend möchte ich sagen, dass der Langspieler unterm Strich sehr durchdacht, stimmig und auch in sich abgeschlossen ist. Wer nun am Genre interessiert, aber trotzdem noch am Zweifeln ist, ob La Chambre d'Echo tatsächlich so gut ist, wie es meine Beschreibungen hoffentlich suggerieren, mag sich auf der offiziellen MySpace-Seite, auf YouTube nach entsprechenden Audiotrailern und kompletten Liedern umsehen und danach vielleicht sogar mit mir darin einig sein, dass wir es mit einem der größten Alben der letzten paar Jahre zu tun haben. Das hat jetzt nichts mit Fanboytum zu tun, ich kann auch viel schlechtere Leistungen von Sopor Aeternus nennen - so sehe ich die Dinge nun mal. Wer sie anders sieht, möge das tun, ich habe kein Problem mit Ansichten, die von meiner abweichen. Jedenfalls ist La Chambre d'Echo nach meiner äußerst bescheidenen Meinung eines der besten Gothicalben überhaupt und zudem eines der besten, wenn nicht sogar das beste, dieses hervorragenden Projektes. Hier passt einfach alles.

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10/10
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Letzte Aktualisierung ( 14.10.2008 )
 
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