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Sopor Aeternus & the Ensemble of Shadows – Les fleurs du mal PDF Drucken
Geschrieben von triple   
11.05.2008

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Manche Dinge ändern sich eben nie“ - so lautete der Titel einer Anzeige, die vor wenigen Jahren in gewissen renommierten Szenegazetten Platz fand. Dass dieser Slogan ausgerechnet Sopor Aeternus, eine der wichtigsten deutschen Undergroundbands unserer Zeit, betrifft, ist Anlass genug, diesen genauer unter die Lupe zu nehmen. Zum Zeitpunkt ebenjener Anzeige war diese Aussage zumindest in diesem Zusammenhang schon zum Scheitern verurteilt (schließlich war die kontinuierliche Veränderung des musikalischen Erscheinungsbildes seit jeher ein Teil des Schaffens dieser “Band”) beim Betrachten des jüngsten Albums gibt es kaum ein Satz, der für Sopor unangebrachter ist als dieser. Denn dieses Album, Les fleurs du mal – die Blumen des Bösen, ist ein selbst für Sopor-Verhältnisse radikaler Stilbruch und unterscheidet sich von den bisherigen Veröffentlichungen in fast jeder denkbaren Weise.

Anna-Varney Cantodea, einziges festes Bandmitglied und Medium des immateriellen, ideengebenden Ensemble of Shadows, hat mit Les fleurs du mal ein Werk hervorgebracht, das nicht weniger einzigartig ist als alle bisherigen Alben. Diese Einzigartigkeit ist aber auch einer der wenigen Punkte, in dem sich Les fleurs mit seinen Vorgängern messen kann.

Da die Musik bisher auf jedem Album ein visuelles Pendant, will sagen, Bilder von Anna-Varney und eine bestimme Art der Gestaltung von Booklet usw., hatte, fällt es umso leichter, Erstere zu charakterisieren. Cover und Booklet werden von mehr als dezenter Weiblichkeit und einem ebenso femininen Altrosa dominiert, dazu gesellen sich Flecken und Risse in der Tapete, außerdem noch allerlei Werbung für fiktive Produkte, die das weibliche Wohlbefinden sichern sollen. Das gilt auch für die Musik: das gesamte Album ist durchzogen von einer eher aufgesetzt wirkenden Fröhlichkeit. Teilweise auch wegen der Wahl der Instrumente, schließlich sind holländische Barockorgeln, Trompeten, Celesten, analoge Synthesizer und viele mehr, fast alle von diversen Studiomusikern bedient, allgegenwärtig, und obwohl gerade das Verwenden von Synthesizern im Musikbusiness heute Usus ist, kann ich versichern, dass alle Instrumente nur den Platz eingeräumt kriegen, den sie verdienen. Das einzige, was auf diesem Album noch etwas an frühere Lieder erinnert, ist das Instrumental Our Lady of the broken Hearts, das aber mit 46 Sekunden nicht weiter auffällt. Weiters fällt selbst dem eher unbedarften Hörer in erster Sekunde auf, dass Anna-Varney eine wesentlich weiblichere Stimme besitzt, als es vorher der Fall war, und dem ersten Teil ihres Vornamens alle Ehre macht.

Früher war eines seiner/ihrer Merkmale, stimmlich sehr flexibel zu sein und jederzeit zwischen einer harmonischen, beruhigenden Männerstimme und einer teilweise sehr hexenhaften, teilweise gebrochenen weiblichen Stimme wechseln zu können. Ersteres scheint nicht mehr der Fall zu sein, hören sich doch selbst die tieferen Töne noch verhältnismäßig feminin an; weshalb, kann man als Hörer bloß mutmaßen. Auch das Hexenhafte im Gesang hat sich, bis auf einige wenige Ausnahmen wie ein Part im wunderbaren epischen Zwölfminüter The Virgin Queen mehr oder weniger in Luft aufgelöst. Schlimm ist das aber bei Weitem nicht, schließlich passt seine/ihre Stimme trotz allem perfekt zur Musik. Textlich hat sich auch so einiges getan, wie die Titel vieler Lieder bereits andeuten. Der teilweise stark spirituelle und teils auch düstere Inhalt der Songtexte wie die JuSa-Thematik, die homoerotische Nekrophilie, wie die Presse es gerne bezeichnet, und andere sind weltlicheren Themen wie u.a. Anna-Varneys Männerhass (der in diesem Fall durchaus paradox ist, ich überlasse die Entscheidung seines/ihres Geschlechtes nicht umsonst dem Leser) und Hämorrhoiden gewichen. Das letzte große Novum ist der Einsatz eines Chors: hierfür haben sich Mitglieder des Kirchenchors der Collegiate Church of St. Mary in Warwick unter Obhut des Dirigenten Alan Baker zur Verfügung gestellt, sowohl Männer als auch Jungen, und das Album durch ihren großartigen Chorgesang bereichert. Die Männer spielen eine tragende Rolle und sind, wie gesagt, sehr gut, aber gerade die Kinder überzeugen in Liedern wie In der Palästra und A little Bar of Soap auf ganzer Linie und tragen sehr zur Unschuld bei, die genannte Lieder in sich haben.

Aber da auch die einfallsreichsten Neuerungen allein nicht für Qualität garantieren, soll es nicht bei der Vorstellung dieser bleiben. Die oben genannten drei Lieder zählen zu den innovativsten Liedern in der ganzen bisherigen Bandgeschichte, ganz besonders A little Bar of Soap. Ein sehr schöner Song, der sehr viele Eigenschaften eines Kinderliedes aufweist und in vieler Hinsicht sogar schon als solches durchgehen könnte. Mit einer Spielzeit von gerade mal weniger als anderthalb Minuten ist es kurz, aber angemessen. In der Palästra hat es nicht umsonst zur DVD-Single und einer Instrumentalfassung auf der Schwesterveröffentlichung Sanatorium Altrosa gebracht: es wird eine Gänsehaut ohnegleichen geschaffen; man kann sich auch geradewegs vorstellen, wie Anna oder vielleicht auch jemand anderes zu den Klängen dieses Liedes leidenschaftlich tanzt und sich ganz ihrer Musik hingibt (was, nebenbei erwähnt, ein großer Bestandteil des zugehörigen Videos ist). Ansonsten ist auch der Rest des Albums grandios, wie z.Bsp. Helvetia Sexualis, um nur ein sehr gutes Beispiel für die Vielschichtigkeit der Musik und Sopor allgemein zu nennen. Mich wundert aber, dass ich noch keine Lobeshymnen auf Bitter Sweet gehört habe. Ich kenne das Original von Roxy Music zwar nicht, aber das hier ist nicht bloß die mit Abstand beste Coverversion, seit die Band besteht (die bisherigen klangen in meinen Ohren immer ziemlich dünn und gezwungen), sondern auch eines der besten mir bekannten Cover überhaupt, und ein überaus eigenständiges noch dazu. Ein Lied “zwischen dem zärtlichen Klang der Harfe und dem beinahe schmerzhaft hohen Kreischen der Violine (gepaart mit einem kraftvoll-rockigen Schlagzeug)”, wenn ich mal eben einen offiziellen Pressetext zitieren darf.

Allgemein betrachtet kann man aus der Musik einen gewaltigen Fortschritt in Annas Selbsttherapie herauslesen, wenn man mal den ganzen Weg von Es reiten die Toten so schnell zu Les fleurs betrachtet. Das einzige Lied, das mir nicht ganz so sehr gefällt und mich auch, ehrlich gesagt, ein wenig langweilt, hört auf den gewohnt klangvollen Namen Shave, if you love me, da fehlt mir einfach das Spektakuläre, Aufrüttelnde. Ansonsten fehlen mir auch die rein oder hauptsächlich deutschsprachigen Lieder, die zählten in der Vergangenheit mit zu den besten Songs, man denke nur an das überaus geniale Imhotep vom Vorgänger oder Im Garten des Nichts vom Debüt. Undenkbar wären solche Lieder auch in Anbetracht des Klangkonzeptes nicht. Davon abgesehen stellt Les fleurs du mal ein weiteres Meisterwerk der besten noch existierenden Band dar. Und mit guten 72 Minuten bei zwölf Liedern kriegt man, wie immer, auch längentechnisch viel für sein Geld geboten. Eine sehr gute Leistung.

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9/10
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Letzte Aktualisierung ( 08.08.2008 )
 
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