|
Zeiten ändern sich. Werte und Tugenden werden anders prioritiert als noch zuvor, ein neues Kapitel in der Weltgeschichte wird aufgeschlagen, Machtverhältnisse verändern sich. Und dann ist da natürlich noch die Musik. Die ist zwar nicht derart relevant wie kosmopolitische Ereignisse und dergleichen, aber doch ähnlich von der Möglichkeit besessen, sich auf einen Schlag grundlegend zu ändern. Viele Undergroundbands haben ihre Musik schon um 180° gedreht, um kommerziell erfolgreich zu sein oder zumindest mit Hilfe neuer Technik ihren eigenen musikalischen Ansprüchen zu genügen, die sie anfangs noch nicht erreichen konnten. Viele, die sich für einen Aufenthalt in den Fittichen der Majorlabels entschieden haben, sind oft nach einiger Zeit schon im Einheitsbrei versunken. Nun ist Sopor Aeternus nicht zu einem dieser Labels gewechselt, sondern Apocalyptic Vision, einem Sublabel des Indieriesen Trisol, von Anfang an treu geblieben, was einen plötzlichen Kurswechsel aber trotzdem nicht ausschließt. Wie dieser auf Sanatorium Altrosa - musical therapy for spiritual dysfunction, dem neuen Album einer der besten Bands der heutigen Zeit und Schwesteralbum von Les fleurs du mal, ausgefallen ist, wird im Folgenden erläutert.
Zuerst muss ich zugeben: den Begriff „Gothicband“ verwende ich hier bloß, weil die Wurzeln von Sopor in diesem Bereich liegen. Heute ist keine eindeutige Bezeichnung mehr möglich, denn Gothic ist hier fast gar nichts mehr. Die beiden Veröffentlichungen, Les fleurs du mal und Sanatorium Altrosa, sind einander ungefähr so ähnlich wie damals La chambre d'echo und die darauffolgende EP Flowers in formaldehyde: die Instrumente sind mehr oder weniger die selben, die Musik ist ähnlich aufgebaut, aber trotzdem sind beide grundverschieden. Während Les fleurs noch der altrosa Fassade und allgemein der weiblichen Seite des Ganzen gehorchte, ist man auf Sanatorium eher bemüht, den Schmutz dahinter aufzudecken.
Der geneigte Fan mag eher enttäuscht sein von der Tatsache, dass das Album auf dem Papier bzw. der Tracklist nur wenig Neues enthält und stattdessen viele Instrumentalversionen bereits bekannter Songs und bloß drei wirklich neue Stücke bietet, was in trven Undergroundkreisen auch als Hochverrat, Abzocke etc. gilt. Ärgerlich ist das auch in gewissem Maße, da damit die Spielzeit künstlich hochgedrückt und Anna-Varneys Anhängern verwehrt wird, weiter an ihrem unglaublichen Talent, Songs zu schreiben, teilzuhaben. Erfreulich ist aber, dass die rein instrumentalen Lieder auch ohne Annas Stimme funktionieren und man nichts Großartiges vermisst, und darüber hinaus ist es auch lobenswert, dass man nicht einfach bloß die Gesangsspur rausgeschnitten, sondern gleich das ganze Lied neu aufgenommen hat, wie man es auch schon bei Flowers in Formaldehyde getan hat. Die Unterschiede sind zwar leider nur gering, aber am Prinzip könnte sich so manch andere Band ein Beispiel nehmen.
Zwei Kritikpunkte habe ich trotzdem: erstens frage ich mich, weshalb man für das Instrumental von In der Palästra nicht die Version aus dem Teaser zu Les fleurs verwendet oder sie, noch besser, zusätzlich raufgepackt hat, statt einfach das fertige Lied von genanntem Release zu nehmen. Natürlich ist das Lied auch hier einfach schön und gefällt mir ebenso sehr, aber dass man das unfertige Material einfach hat liegen lassen, ist für mich sinnlose Vergeudung. Platz genug wäre ja auf der CD noch gewesen. Zweitens: ich bin ein extrem treuer und toleranter Fan, wirklich, und würde wahrscheinlich auch das sinnloseste Merchandising kaufen, so denn einmal etwas von derartiger Beschaffenheit existieren sollte, aber nichtsdestotrotz finde ich es wirklich sehr zweifelhaft, mit Bittersweet aus einem Coversong (!) ein Instrumentalstück zu machen, und das nicht nur deshalb, weil man den Platz auch sinnvoller hätte verwenden können, wie bereits erwähnt. Tracks wie Helvetia Sexualis hätten eindeutig das Zeug zu einem Instrumental gehabt und stünden ihrem Original in so einer Fassung in nichts nach. Auf so etwas wie hier hätte ich jedenfalls gut verzichten können. Auf der anderen Seite gibt es natürlich von mir auch Pluspunkte für die gelungene Instrumentalfassung von La mort d'Arthur, die sich in meinen Ohren wesentlich verspielter anhört, stimmiger und sowieso viel besser ist. Gesondert erwähnt gehört auch noch das im offiziellen Pressetext als “Kernstück des Albums” bezeichnete The conqueror worm II, ebenfalls instrumental, dessen Urfassung, ein vertontes Gedicht von E.A. Poe, zur Abwechslung nicht von Les fleurs du mal, sondern von Flowers in formaldehyde stammt. Soweit ich das erkennen kann, liegen die einzigen bedeutsamen Ähnlichkeiten im Namen, denn ansonsten sind beide Lieder von Grund auf verschieden. Die Version auf Flowers war für mich, was Musik und Gesang betrifft, eher humorvoll oder zumindest absurd, wenn man das so sagen darf. The conqueror worm II lässt sich mit seinen energischen Streichern und dem fast schon militanten Schlagzeug dagegen bedenkenlos der Neoklassik zuordnen. Ich bin gespannt, ob und wann das Lied um Annas entzückenden Gesang (oder wie auch immer) reicher sein wird.
Was das komplett neue Material betrifft, so steht dieses in keinster Weise den Stücken auf Les fleurs nach und kann diese teilweise sogar noch übertrumpfen. Consider this: the true meaning of love existiert hier in drei verschiedenen Fassungen: als Original, als neuaufgenommener Edit und, wie sollte es anders sein, als Instrumental, dessen Grundlage unverkennbar die Neuaufnahme bildete. Diese Neuaufnahme gefällt mir persönlich auch am besten. Die sieht dem Original zwar in ein einigen Beziehungen ähnlich, ist aber für mich ungleich dramatischer, was eventuell daran liegt, dass hier teilweise andere Instrumente zum Einsatz kommen und beide Tracks den elektronischen Aspekt auf unterschiedliche Weise gebrauchen. Der Text, in dem Anna ihre ausdrückliche Befürwortung von aktiver Sterbehilfe formuliert, ist unverblümt geschrieben und regt zweifellos zum Nachdenken an. Davon abgesehen habe ich auch den Eindruck, als hätte man nicht nur die Instrumentalspur neu aufgenommen, sondern sich auch noch die Mühe gemacht, das Lied noch mal neu einzusingen. Ob das jetzt wirklich so ist, kann ich nicht sagen, aber wenn doch, dann wäre das ein weiterer Grund, für Sopor Sympathie zu empfinden. Jedenfalls hat das Stück Qualitäten einer Auskopplung und es würde mich nicht wundern, wenn es irgendwann dieses oder nächstes Jahr in einem anderen Zusammenhang, z.Bsp. als DVD-Single erscheint.
Der zweite neue Track ist Architecture II (we have erected walls that even he could never penetrate), ein weiteres Beispiel dafür, auf welche Art und Weise Sanatorium von seinem 2007er Schwesteralbum abweicht. Wir hören Anna-Varneys Stimme in zartem, stilvollem Hall und allgemein einen Song, der ein klein wenig von den legendären Dead Can Dance hat und zwar alle Charakteristika von Sopor aufweist, aber sich dennoch eigenartig anders verhält. Der Chor zum Schluss ist natürlich wie gewohnt einsame Spitze, genau wie auf dem Rest des Albums. Behandelt werden hier rein durch Gedankenkraft ausgelöste Orgasmen eines nicht näher genannten maskulinen Individuums und damit ein recht ungewöhnliches Thema, welches auf seine Art an die Themenwahl von Les fleurs anknüpft, die ja ähnlich überraschend ausfiel, wenn man mal die Lyrics früherer Alben betrachtet.
Das dritte neue Lied im Bunde und auch die größte Überraschung auf dem neuen Langspieler ist wohl Collision - you may lie on your back, if you want to... even close your eyes to sleep, um den vollen Namen zu nennen. In zehn Minuten fährt man hier alle Register auf und schafft einen Titel, der den frühen Tagen im Dark Wave und Gothic Ende der 80er wohlverdientermaßen Tribut zollt und auch der einzige ist, der in eines dieser Genres gepresst werden kann. Anna lässt hier in gesprochener Form die alte Thematik der homoerotischen Nekrophilie, die schon Hauptbestandteil des Doppelalbums Dead lovers' sarabande war und auch stark an die dazugehörigen Lyrics erinnert, wieder auferstehen. Anschließend schon, aber im Speziellen seit der Veröffentlichung von Les fleurs im vergangenen Jahr, war die Problematik eigentlich mehr oder weniger totgeglaubt, hat sich aber zur Überraschung vieler noch mal seinen Weg in das aktuelle Schaffen gebahnt. Ein sehr düsteres und tragisches Stück, das auch gerne mal völlig unmelodisch oder überladen daherkommt, aber solche Parts existieren alle mit gutem Grund und machen sich sehr gut dort, wo sie sind. Der einzige Nachteil des Liedes besteht eben darin, dass man es unter normalen Umständen nicht allzu häufig hören kann, da es doch sehr schwer verdaulich ist und sich auch nicht unbedingt positiv auf die Psyche labiler Menschen auswirkt, gerade im Vergleich zum Rest dieses und des vorangegangenen Albums.
Absoluter Höhepunkt ist für mich persönlich der Remix von Shave if you love me, der wohl erste Titel ist, der wirklich offiziell als Remix bezeichnet wird. Eigentlich bin ich von Remixes grundsätzlich abgeneigt, da sie das ursprüngliche Lied verhunzen und zudem noch ein einfacher, unkreativer Weg für den Interpreten sind, den Fans das Geld aus der Tasche zu ziehen, ohne sich selbst sonderlich anstrengen zu müssen (man denke nur an Alben gewisser “Künstler” im Bereich Electro/Industrial, wo auf einem Album von 15 Liedern vielleicht 10 Remixes von 2-3 verschiedenen Songs sind. Auf die Spitze getrieben wird das dann, wenn andere Interpreten damit beauftragt werden, Remixes anzufertigen, damit dann am Ende ein halbgares Remixalbum auf den Markt geschmissen werden kann.) Aber dieser hier ist anders als die ganzen Club Mixes, Extended Versions, Extended Club Remixes und so weiter und so fort. Das Stück bekommt durch den stark vermehrten Einsatz elektronischer Stilmittel einen völlig anderen, mehr als interessanten Charakter, und den letzten zwei Minuten, in denen sogar mainstreamhafte Elemente zu Tage treten, wird, mehr noch als dem Rest des Liedes, einfach kein gewöhnliches positives Adjektiv gerecht. Nur Anna-Varney Cantodea darf sich solche Aktionen erlauben, denn ein solches musikalisches Genie findet sich in der heutigen Zeit sonst gar nicht mehr und sie ist auch beinahe die einzige Person in der modernen Musikbranche, die, wie man so schön sagt, aus Scheiße Gold machen kann. Hiermit hat man aus der leicht öden Urversion, die sich auf Les fleurs befand, einen wirklich unfassbar genialen Song gemacht. Solche Tracks sind es, von denen ich mir für die Zukunft mehr wünsche.
Für die, die das Geld hatten und ihrer Verehrung Ausdruck verleihen wollten, gab es auch noch die limitierte Collector's Edition (in dessen Besitz meinereiner selbstverständlich ist). Dort enthalten sind in einem Baumwollbeutel neben der CD in einem kleinen Hardcoverbüchlein auch noch das ganze Album ein weiteres Mal auf zwei pinken Vinyls, außerdem zwei Musikkassetten, auf denen nicht nur Sanatorium noch mal vertreten ist, sondern auch noch Les fleurs, ein schniekes T-Shirt, ein handsigniertes Echtheitszertifikat und als kleines Extra ein schwarzes Kondom mit Schokoladengeschmack. Normalerweise ist es bloß Platzschinderei, die Extras irgendwelcher Ultra Limited Mega Special Editions aufzuzählen, die man sowieso bloß noch für Unsummen über eBay kriegt (und die Nachfrage dürfte nicht gering sein, immerhin war der Kram schon nach einer Woche restlos ausverkauft), hier wollte ich es bloß mal als Beispiel dafür aufbringen, dass man bei Sopor auch wirklich etwas für sein Geld kriegt. Zu Guter Letzt möchte ich sagen, dass ich von Sanatorium Altrosa durch die Bank überzeugt bin. Les fleurs du mal wurde in so mancher Hinsicht übertroffen, auch wenn der Fakt, dass nicht viel neues Material (und von dem, was wirklich neu ist, nichts, was man nicht irgendwie hat kommen sehen, schließlich stehen die Texte der drei neuen Lieder schon im Booklet von Les fleurs, also war deren gesonderte Veröffentlichung nicht mehr als eine Frage der Zeit) geboten wird. Es scheint auch, als würde Anna mehr und mehr versuchen, aus dem vormals gewählten Underground herauszukommen: die vormals klar als Sammlerobjekt bezeichnete DVD-Single In der Palästra wird als Standard-DVD neu aufgelegt, genau wie die CDs der gleichfalls ausverkauften Box Like a corpse standing in desparation, die u.a. die EPs Ehjeh Ascher Ehjeh, Voyager - the jugglers of JuSa und Flowers in formaldehyde enthält, von denen es ebenfalls von Anfang an hieß, sie sollten kein zweites Mal veröffentlicht werden. Weiterhin wurden jüngst weitere Neuauflagen der herkömmlichen Alben angekündigt, genau wie von vorliegendem Release als Standard-CD... was eventuell ein Zeichen für den zwischenzeitlichen Geisteszustand der Guten ist (oder womöglich auch, wie sehr Apocalyptic Vision sich drum bemüht, Kohle zu scheffeln, ist das Label doch schon seit Jahren bandexklusiv). Vor kurzer Zeit waren in limitierter Auflage diverse Buttons erhältlich, jetzt sind auch noch separat verkaufte T-Shirts in Arbeit. Ob das jetzt bloß ein besonderer Teil des Konzeptes um die “Blumen des Bösen” ist oder nicht, Sopor Aeternus ist die einzige Band, bei der ich derartiges Treiben zulassen würde, so merkwürdig besonders der Punkt scheint, nicht zur Wiederveröffentlichung bestimmte Releases dann doch neu aufzulegen. Niemand in der modernen Musik hat eine größere Fangemeinde mehr verdient als Anna-Varneys einzigartige Band, denn sie zählt zu den einzigen, die sich selbst auch nach vielen Jahren treu geblieben und auch weiter so ehrlich und glaubhaft sind wie am Anfang, so viele Veränderungen sie auch durchgemacht haben mögen. Und wo soll ein depressiver, von der Außenwelt mehr oder weniger isolierter Transgender, dessen Handeln und Wirken wie auch Musik von den Geistern der Verstorbenen beeinflusst wird, denn bitte ein klarer Fake bzw. Mediengag sein? Kein Mediengag der Welt hält bald zwanzig Jahre an und ist so unglaublich durchdacht (man denke nur an die vier Zahlen, II XI XIII IV, deren Grundlage schon viel früher existierte, aber in genau dieser Form mit Les fleurs eingeführt wurden und die man auf so unterschiedliche Weise lesen und deuten kann) da können noch so viele Kritiker Gegenteiliges behaupten. Wie auch immer: nach dem aktuellen Stand der Dinge dürften vorher kategorisch ausgeschlossene Dinge wie ein Liveaufritt oder Ähnliches in ein paar Jahren sogar möglich erscheinen, von etwaigen technischen Komplikationen wie fehlenden Livemusikern abgesehen, schließlich trug Anna noch nie so wirklich feste Bandmitglieder mit sich, auch wenn manche Studiomusiker mittlerweile Stammgäste sind. Das ist auch gut so, denn die Früchte, die diese Entwicklung trägt, sind von unschätzbarem musikalischen Wert. So auch Sanatorium Altrosa.
Im Forum kommentieren |