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Das Mittelalter liegt im Trend. Mittelaltermärkte, passende Kleidung, obskure Schreibweisen an jeder Straßenecke und nicht zuletzt die Musik. Was die ersten drei Dinge angeht, so kann ich nicht mit großem Hintergrundwissen auftrumpfen, weswegen ich mich dazu auch nicht äußern werde, dass Letzteres sich allerdings wie geschnitten Brot verkauft, sieht selbst ein Blinder mit Krückstock: In Extremo, Corvus Corax, Saltatio Mortis und wie sie alle heißen mögen, sie alle haben sich einen Namen in der deutschen Musikszene gemacht und verzeichnen teilweise auch immer größere kommerzielle Erfolge. Gedeckt wird dabei aber meist bloß der Bedarf an Mischungen aus als veraltet geltenden Instrumenten und modernen orchestralen Klängen bzw. harten Gitarren, das heißt, der Fokus liegt auf cheesy Kombikisten der Marke “Pop meets Classic”. Richtig originell wird's nur selten. Ein Glück, dass es da noch Ausnahmen gibt: eine dieser Ausnahmen ist Sopor Aeternus. Man kann zwar kein pauschales Urteil fällen und sagen, dass deren Musik ausnahmslos mittelalterlich ist (das schwankt von Album zu Album, die jüngeren Veröffentlichungen distanzieren sich sogar fast komplett von diesen Klängen), aber an sich spricht die Genrebezeichnung “Medieval Doom Folk” doch schon Bände, vor allem im Zusammenhang mit Todeswunsch – Sous le Soleil de Saturne, dem zweiten Fulltimerelease des Projektes.
Nach Ich töte mich usw. war eine gewisse musikalische Neuorientierung von Nöten. Ein paar wenige Stücke da drauf haben es schon ganz vage angedeutet, und das als Brücke zwischen den beiden Alben geschaffene Nebenprojekt White Onyx Elephants, das einmalig auf dem legendären Jekura-Sampler insgesamt vier Stücke veröffentlicht hat, hat die Vorstellung noch mal konkretisiert: der finstere Dark Wave-Sound sollte deutlich einladenderen Renaissanceklängen weichen. Das Resultat dieser Entwicklung ist dann 1996 erschienen.
Klanglich wird Todeswunsch seinem Genre gerechter als viele Bands, die sich “Mittelalter” auf die Fahnen geschrieben haben, gleichzeitig ist es auch das wohl meditativste Album des Projektes. Nicht unbedingt im Sinne von Ambient und Soundscapes, aber doch in der allgemeinen Ruhe und Zurückhaltung: gnadenlos los gebrettert wird hier nur selten, meist kommen bloß Flöten, Leierkästen, Perkussion und derart zum Einsatz, natürlich neben Anna-Varneys begnadeter Stimmvielfalt – und einer gelegentlichen “Gastsängerin”, die allerdings bloß eine stark computermodifizierte Variante von Anna darstellt und die auch noch auf einigen Folgealben aufgetreten ist.
Stücke wie die unzähligste Version vom Tanz der Grausamkeit, hier unter dem Titel Saltatio Crudelitatis, stellen klar, dass es sich bei Todeswunsch in der Regel um ein selten ruhiges Erlebnis im Sopor'schen Klangkosmos handelt. Der ohnehin schon finstere Text wird durch die ruhigen Töne von Xylophon, Flöte, Schalmei und leichter Perkussion, trotz selben Spannungsbogens wie die Debütversion, in seiner Resignation unterstützt. Shadowsphere 1&2 (The Monologue-World and the Subconscious Symbols) hat eine ähnliche Grundstimmung, ist dabei aber rein musikalisch zumindest im ersten Teil einen Tick unbeschwerter; und wer an dieser Stelle aus unerfindlichen Gründen anprangern will, dass das Lied auf der Bassline von Black Sabbaths Under the Sun basiert, wie in den Credits erwähnt wird, sollte vorher einen Vergleich aufführen und feststellen, dass Ersteres tatsächlich bloß inspiriert wurde, wenn überhaupt, und immer noch betont viel Eigenständigkeit besitzt. Ein zweifelloses Highlight des Albums, das zudem noch in gewisser Weise vom übrigen Klangkonzept abweicht, ist Soror (Sister of Self-Destruction), das wird von einem schnell härter gespielten Schlagzeug und, oh Wunder, einer E-Gitarre eingeleitet, die sich im weiteren Verlauf aber deutlich unterordnet. Von dem, was im Anschluss kommt, kann man mit Bestimmtheit sagen, dass es laut, aggressiv, gleichzeitig aber sehr fragil ist. Alles zumindest in einem gewissen Rahmen.
Man muss aber auch sagen, dass der Langspieler abseits von seinen Klassesongs auch einiges an weniger guten Liedern besitzt: gerade der Mittelteil ist ungeheuer schwach ausgefallen. Das Titelstück (übrigens eine weitere Referenz zur Popmusik, basiert es doch auf der Melodie von Cat Stevens' I Think I Can See the Light) hört sich dermaßen albern und unsachgemäß an, dass es keinen Kommentar verdient hat, zumal es schon nicht gerade die beste Leistung ist, Suizid auf so triviale Art zu glorifizieren wie hier; darüber hinaus beziehe ich mich auf die folgenden drei Nummern, Drama der Geschlechtslosigkeit Part 1 und 2, die von den furchtbar nervigen Freitod-Phantasien unterbrochen werden. Ersteres, in dem Anna-Varney zu ein wenig Geklimper ihren Text wimmert und sich auf deprimierende Weise mit ihrer Geschlechtsidentität beschäftigt, ist mir persönlich einfach viel zu getragen; wenigstens sind's bloß zweieinhalb Minuten, die zu erdulden sind. Der zweite Teil, in dem der Mann/die Frau fünf Minuten lang eine Strophe des Textes zu einer fröhlichen Melange aus Akustikgitarre, Xylophon, Flöte und Perkussion singt, zieht die ganze Geschichte dann doch arg ins Lächerliche. Glücklicherweise ist das Schlimmste hiernach überstanden. Anders und auch weniger schlecht ist Die Bruderschaft des Schmerzes (Die Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Kinder Saturns gehen), leider hält diese finstere Rezitation von Edgar Allan Poes Dreamland, übrigens ein gerngesehener Gast in Sopors Gesamtwerk, bei weitem nicht die sechs Minuten, die es andauert, da fehlt doch etwas die Abwechslung.
Daran, dass es textlich auf einem hohen Niveau, sprich, sehr verwickelt, zugeht, dürfte kein Zweifel bestehen: viel Spaß wünsche ich schon mal demjenigen, der sich vornimmt, Shadowsphere 1&2 auch nur ansatzweise zu entziffern. Da wird so viel Symbolsprache verwendet und Bezug auf Esoterik bzw. Spiritualität, in welchem Sinne auch immer, genommen, dass man sich wahrlich schwer tun wird, vieles irgendwie umzudichten; wozu sollte Anna sich überhaupt die Mühe machen, ihre Lyrics allgemein zugänglich zu machen, wo SA doch in erster Linie ein Therapieprojekt darstellt oder es zumindest tat? Ansonsten sagen auch Titel wie Somnambulist's Secret Bardo-Life (Does the Increase of Pain Invite the Absence of Time?) vieles. Kleine Religionsstunde: im tibetischen Buddhismus bezeichnet das Wort “Bardo” den Zwischenzustand, in dem sich ein Lebewesen 49 Tage lang befindet, bevor es die nächste Wiedergeburt erleidet, in welcher Form auch immer; deswegen trauert man in Tibet übrigens auch sieben Wochen um einen Verstorbenen. Das nur mal so als Information. Allgemein scheint Anna ein sehr spirituell veranlagter Mensch zu sein, bezieht sich dabei aber nicht ausschließlich auf verworrene buddhistische Vorstellungen von der Wiedergeburt, sondern baut in ihrem Denken auch auf obskure astrologische, mythologische und möglicherweise auch selbstgesponnene Themen, was ihr, zusammen mit ihren Ausführungen über z.B. das namens gebende Ensemble of Shadows, die Geister der Toten, die sie mit viel Nachdruck dazu veranlassen, Musik zu schreiben und an die Öffentlichkeit zu bringen, und den zahlreichen Gerüchten um ihre Person (bspw. wurde eine Zeitlang behauptet, dass sie in einer Höhle in Südfrankreich wohnt und sich regelmäßig von Ratten, Abfall und derart ernährt), bedauerlicherweise den Ruf einer Verrückten eingebracht hat; ein Beweis dafür, wie lieblos und intolerant wir doch sein können.
Todeswunsch vereint Licht und Schatten: auf der einen Seite sind da wirklich starke und, wenn man so will, fast schon klassische Stücke, auf der anderen sind hier aber auch viele Ausrutscher in Form von Langweilern, die von der gerne mal fehlenden Abwechslung wirklich nicht profitieren, und nervtötenden Klangerzeugnissen versammelt. Ich weiß, dass viele Fans es anders sehen und mit meiner Endwertung auch ganz und gar nicht übereinstimmen, aber ich finde nun mal, dass dies hier eines der schlechteren Alben in 19 Jahren vielseitigsten Medieval Doom Folks ist. Sorry, aber das kann Anna-Varney viel, viel besser, das weiß er/sie auch selber. Wer Todeswunsch trotzdem genießen kann, den will ich nicht daran hindern, aber bei mir reicht es bloß für eine Note im Mittelfeld.
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