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Spiritual Front - Armageddon Gigolo PDF Drucken
Geschrieben von triple   
13.11.2008

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Elvis ist tot, aber sein Erbe wird der Menschheit auf ewig erhalten bleiben, nehmen viele seiner Fans an. Dass dieses Erbe sich nicht nur aus der Musik, sondern auch aus der Erinnerung an die Person an sich zusammensetzt, die viele Nachahmer und Bewunderer gefunden hat, sollte eigentlich jedem klar sein, auch dem, der gegen den Strom schwimmt und den King als geschicktes Marketingprodukt ansieht. Typischerweise kleiden sich diese Epigonen auch in einem mit dem Original möglichst identischen Dress und haben eine in ihrer Imitation eher freakige Art eines aus der Gesellschaft Ausgestoßenen. Das gilt zumindest für den klischeehafteren Teil, es gibt ebenso Personen, die keinen Hehl aus ihrer Bewunderung machen, Oberflächlichkeiten aber trotzdem ignorieren und sich selbst als das darstellen, das eigentlich jeder Mensch sein sollte: ein Individuum. Spiritual Front ist die Band des Italieners Simone “Hellvis” Salvatori, der mit seiner Gruppe im Neofolk-Sektor beheimatet ist und dessen Spitzname schon einer gewissen Ähnlichkeit mit dem als King of Rock'n'Roll bekannten Herren Ausdruck verleiht. Das soll jetzt nicht heißen, dass der Mann eine weitere Kopie darstellt, gewiss nicht; diese Theorie wäre schon, was die äußerlichen Gemeinsamkeiten der beiden betrifft, eher abwegig. Es ist vielmehr die rebellische Art, die beide auf dem dritten SF-Album, das auf den verheißungsvollen Titel Armageddon Gigolò hört, teilen. Wie sich das aus meiner Sicht äußert, werde ich in den folgenden Zeilen beschreiben.

Ursprünglich spielten Spritual Front eher klassischen Neofolk, zu denen Simone finster seine Texte raunte. Das Booklet bestand dabei aus einer skurrilen Mischung aus Bildern von Micky Maus und Adolf Hitler sowie Ausschnitten aus diversen hetero- und homosexuellen Pornos. Auf dem zweiten Album, Nihilist Cocktails for Calypso Inferno, zeichneten sich gewisse Entwicklungen ab, aber der schmutzige Teil blieb bestehen; die Texte waren hierbei geprägt von den Dingen, die die Menschheit wirklich bewegen, die da wären, Zitat Hellvis: “Glück, Frustration, Sex, Cocktails, lange versoffene Nächte, ein schneller Fick in einem öffentlichen WC... alles, was mich betrifft.” - Das ist Rock'n'Roll-Spirit, wie er im Buche steht. Bestimmt nicht bewundernswert, aber doch beachtlich, wenn jemand trotz verhältnismäßig wenig kommerziellen Erfolges diesen Lebensstil als Musiker für sich beansprucht; normalerweise sollte man meinen, dass so etwas erst mit Ruhm und Ehre kommt. Für Armageddon Gigolò hat man sich noch mal hingesetzt und die Auswahl der behandelten Themen gut eingeschränkt, was aber vielleicht gar nicht so verkehrt war. Hier werden die Themen Sex und Religion behandelt, eine allgemein eher heikle Kombination, derer sich auch schon einige Leute vorher angenommen haben, und damit genau das Richtige für einen Rebellen, wie Simone einer zu sein scheint. Zwar sind die Lyrics hier nach meiner Meinung eher Mittel zum Zweck als wirklich wertvolle künstlerische Ergüsse (obwohl sie doch zumindest gut zur Musik passen, finde ich) und Werte werden allein hierdurch auch nicht umgestürzt, aber für sich allein stehend gibt diese Mischung aus ungezügeltem Verlangen und geübter Besinnung auf den christlichen Gott und seine Werte doch schon einen gewissen Ausblick auf die Musik.

Musikalisch hat man hier etwas, das unter dem Namen Nihilist Suicide Pop zusammengefasst wird. Hinter dieser klangvollen Beschreibung verbergen sich stil- und gefühlvolle Mafiosi-Balladen, die von so klassischen Persönlichkeiten wie Nick Cave, Scott Walker und Ennio Morricone beeinflusst wurden; aus dem Umfeld von Letzterem hat man sich sogar einige Streichmusiker ausgeliehen. Da sind Gesang, Gitarre, Schlagzeug, Klavier und Streicher und so unterschiedlich die einzelnen Lieder sind, setzen sich doch die allermeisten aus allen diesen Instrumenten zusammen. Mit Songs von drei- bis fünfeinhalb Minuten befindet sich das Album auch in einem sehr hörerfreundlichen Rahmen.

Eine instrumentale Ausnahme stellt u.a. My Kingdom for a Horse dar, das besteht neben dem Gesang ausschließlich aus der Violine, die hier unverkennbar von Teufelsgeiger Matt Howden gespielt wird, der auf diesem Album einen seiner zahlreichen Gastauftritte absolviert, und diversen weiteren Streichern; Gitarren, Piano und Drums bleiben hier also außen vor, trotzdem ein sehr gutes Stück. Besonders ungewöhnlich ist das letzte Stück, Redemption or Myself, von dem ersten der ein paar Wörter früher genannten Bestandteile abgesehen, ist hier bloß ein dominanter weiblicher Gospelchor, der das ganze Lied über die selben zwei Zeilen bzw. zwei Namen und zwei verschiedenen Wörtern singt; Simones Part verkommt hier zur Nebensache und das ist auch der einzige Song, der mir beim besten Willen nicht gefällt, der will nicht so recht ins Konzept passen.

Eines der wohl charakteristischsten Stücke ist Jesus Died in Las Vegas. Besonderheiten sind hier eigentlich keine, mal von den letzten anderthalb Minuten ab, wo die Instrumente langsam ausklingen und zum Schluss bloß noch ein leises Wimmern von sich geben, was sonst nirgendwo anders vorkommt. Dafür hat man hier aber einen Klassesong. Love Through Vaseline ist trotz der Tatsache, dass es nicht erwähnenswert anders instrumentiert ist als die meisten anderen Nummern, auch zweifellos eine Erwähnung wert. Das Stück ist so etwas wie eine Zeitreise in die 70er, hier ist eigentlich fast alles derart Retro und entspannt, dass man meinen möchte, es mit einer unentdeckten Nummer aus diesem Jahrzehnt zu tun zu haben. Beschreiben kann ich es nicht so richtig, deshalb wäre es vielleicht ratsamer für den interessierten Leser, reinzuhören.

Armageddon Gigolò ist ein ungewöhnliches Werk in der Welt des Neofolk. Es ist leicht, aber nicht trivial, sinnlich und dennoch massentauglich genug, um auch dem uninformiertesten Radiohörer zu gefallen und in den Charts einen guten Platz zu ergattern; hier lädt fast jedes Lied zum heiteren Mitsingen und Schunkeln ein. Wäre es tatsächlich so, dass der “Indiemajor” Trisol in seiner jetzigen Form ein Majorlabel wäre und SF genau dieses und kein anderes Album genau so, wie es ist, veröffentlicht hätten, wäre es ein großer Erfolg gewesen; vielleicht ist es aber auch besser so, so ist es wenigstens wahrscheinlicher, dass die Musik ehrlich bleibt und die Band nicht einfach zu einem weiteren schnelllebigen Goldesel des Labels verkommt. Und erfolgreich war das Album ja zumindest im Underground: dafür spricht schon, dass im Anschluss aufkommende Gruppen aus ähnlichen Kreisen mit dem Vorurteil zu kämpfen hatten, bloß Plagiate zu sein, die schnell auf den fahrenden Zug aufspringen und ein paar Euro verdienen wollten, auch wenn sie zu dem Zeitpunkt noch kein weiteres Lebenszeichen von sich gegeben haben (ich denke hier in erster Linie an Rome, die ich auf dieser Seite ebenfalls schon mit einem Review bestraft habe). Das ist zwar im Prinzip weniger von Vorteil für die Beschuldigten, aber doch ein Zeichen dafür, dass der andere Part nicht gerade komplett ungeachtet blieb. Und diese Aufmerksamkeit ist gewiss nicht unverdient.

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Letzte Aktualisierung ( 17.01.2009 )
 
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