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 Die meisten Bands haben früher oder später ihren Zenit erreicht. Eine Albumveröffentlichung nach der anderen steht an und irgendwann beginnt man zu merken, dass den Musikern der Spaß an der Sache fehlt, von dem sie zu Beginn ihrer Karriere noch erfüllt waren, was einen beständigen Qualitätsverlust mit sich führt und irgendwann in der Versenkung endet, entweder von ebenjenen Musikern oder den harten Konditionen des Musikgeschäfts initiiert. Für die Legendary Pink Dots gilt das nur bedingt, denn sie haben sich in den dreißig Jahren ihres Bestehens einen sicheren Platz in der alternativen, weltoffenen Musikszene gesichert, den ihnen keine Finanzkrise, keine Lustlosigkeit, keine Lebensmüdigkeit so schnell wegnehmen kann. Sicher hat sich im Laufe dieser drei Jahrzehnte mehrere Male das Personalkarussell gedreht, der Kern ist aber immer der Gleiche geblieben. Edward Ka-Spel, auch bekannt als D'Archangel, Lisa Khata, The Prophet Qa-Sepel und unter weiteren bedeutungsschwangeren Pseudonymen, und Phil “The Silverman“ Knight sind immer mit Spaß an der Sache geblieben und machen weiterhin die Musik, die ihnen gefällt, ein Umstand, der womöglich enorm zum langen Bestehen beigetragen hat. Die Fans wissen, was sie erwarten können, und zwar ein Potpourri aus den verschiedensten Genres, gerne auch für lange Jams und Improvisationen geeignet. „Curse“ ist davon noch weit entfernt.
In den 1980er Jahren, in ihren Anfangstagen, haben die Pink Dots mit wirklich billigen, veralteten Instrumenten, alten Casio-Keyboards und dergleichen gearbeitet. Nun gibt es zwar Interpreten, die das Talent besitzen, mit so beschränkten Mitteln ein derartiges Klangfeuerwerk zu erzeugen, das man vorher gemeinhin nicht für möglich gehalten hätte und einem buchstäblich die Kinnlade offenstehen lässt, doch zu dieser Sorte Künstler zählten und zählen die Mannen um die Herren Sharp und Knight nicht. Verständlich, haben ihnen doch Bands wie Throbbing Gristle Ende der 70er gezeigt, dass man gute Musik machen kann, ohne ein virtuoser Musiker zu sein – immerhin: wie viele geniale Künstler gibt es, denen althergebrachte Musikalität vollkommen abgeht? Auch im Jahre 1983 besaß die Kunst der LPDs noch immer dieselbe Naivität und Unbeholfenheit wie zur Gründungszeit im August '80, aber auch die bewies häufiger einen überaus holprigen Charme. Generell sind viele der früheren Alben bei den Fans durchschnittlich nicht ganz so beliebt wie der spätere Output, insbesondere der der frühen 90er, aber das halte ich für unverdient.
Was man an Liedern wie „Lisa's Party“ auszusetzen haben sollte, kann ich mir nicht vorstellen. Sicher findet man hier keine vielschichtigen Texturen und ausgebauten Klanglandschaften, aber meine Güte: eine eingängige, unverbrauchte Melodie, die sich einfach nur putzig anhört, darüber Edwards (damals noch) unschuldiger Gesang. Mehr braucht man doch nicht für einen absolut zuckersüßen Popsong mit dem leicht wahnwitzigen lyrischen Twist. Ka-Spels Alter Ego Lisa Khata feiert, ihre Gäste unterhalten sich und pflegen seltsame Rituale, während die Gastgeberin als große Überraschung einen Mince Pie mit Zyanid serviert. „And they all died“, lautet die abrupte Konklusion. Großartig!
Damals gehörten den Dots neben Edward, laut Credits zuständig für Vocals, Elektronik und Glox (...), auch noch je ein weiterer Sänger und eine Sängerin an, wobei zumindest die vertretene Dame häufig wechselte. Männlicher Gesang kommt von Keith Thompson, der hier auch gleichzeitig den Drummer gibt, wobei er in keiner der beiden Rollen wirklich souverän rüberkommt, im Falle des Schlagzeugspiels vielleicht auch wegen des generell künstlichen Plastiksounds, den dieses Jahrzehnt nun mal in sich hatte – zumindest habe ich beim Hören erst gedacht, da wäre eine ignorant programmierte Drum Machine am Werk. Als Sänger taucht er auf „Wall Purges Night“ auf. Keine Jahrhundertnummer, aber doch gelungen.
Die weibliche Gesangsrolle übernimmt hier noch April White, übrigens die einzig wahre Dots-Sängerin. Schade eigentlich, dass die nur die ersten wenigen Jahre dabei war und so wenig zu sagen hatte, zumindest hat sie eine sehr angenehme Stimme, die im pink gepunkteten Kontext noch mal zusätzlich punktet. Was auch schade ist, ist die Tatsache, dass ihr eh schon kurzer Auftritt auch noch im schwächsten Lied des gesamten Albums stattfindet. „Arzhklahh Olgevezh“ basiert eigentlich auf einer netten Idee, nämlich der Umsetzung von Ka-Spels „Fantasiesprache“, die in vielen Releases immer in den Credits auftaucht, in ein komplettes Lied mit dem Vermerk, dass „no one understands him“. Die Idee scheitert an der Praxis, denn instrumental hört sich das alles plump und selbst für die 80er unzeitgemäß an, vom käsigen Bass über die scheinbar zufälligen Töne des Keyboards bis hin zu den wie erwähnt stumpfsinnigen Drums. Bei einer Spielzeit von über sechs Minuten besteht auch die Gefahr, dass sich nach kurzer Zeit ein starker Skip-Impuls in den Vordergrund drängt.
Sonst weiß ich aber nicht, was es an „Curse“ großartig zu bemängeln gibt. Kein Jahrhundertalbum, aber doch gelungen. Im Großen und Ganzen zumindest. An achter Stelle steht ein Medley aus „Dolls' House“ und „The Palace of Love“, Letzteres fälschlicherweise auf der Tracklist an neunter Stelle, das zwei weitere Highlights vereint. „Dolls' House“ kennt man eventuell schon von früheren Veröffentlichungen, schließlich wurden zu der Zeit einige Lieder mehrmals aufgenommen und in verschiedenen Versionen rausgebracht. Jedenfalls würde dieses Lied viel mehr Energie vermitteln, wäre es imposanter und mit professionelleren Mitteln eingespielt worden, so bleibt immerhin ein sehr gutes Stück Popmusik, auf dem sogar besagter Bass von Prüümptje Jüste (oder auch Roland Calloway für den Freund der konventionellen bürgerlichen Namen) sich gut macht. Nach etwas weniger als fünf Minuten geht es fließend ins nächste Stück über. „The Palace of Love“ indes ist einfach nur schön. Verwendet wird hier dieselbe einfache, romantische Melodie wie in der Demoversion von „April's Song“ und noch einigen weiteren Liedern aus den darauffolgenden Jahren, nur eben auf dem Keyboard statt auf dem Klavier gespielt. Textlich geht es hier um Liebe zu einem im Du genannten Individuum – devote Liebe, solche, die ewig und unendlich sein will. Super!
Track 1, „Love Puppets“ wirkt so, als wäre es deutlich später entstanden als der Rest des Albums. Hinsichtlich der Professionalität kann dieses Stück sogar mit dem darauffolgenden '84er Studioalbum „The Tower“ mithalten und deutet auch musikalisch die beabsichtigte Marschrichtung an. The Silvermans Synthie gibt eine düstere Melodie von sich, atmosphärischer Gitarrenkrach ist im Hinter-, Ka-Spels Sängerstimme im Vordergrund. Zwischendurch kommt ein kurzes, etwas chaotisches Interludium, bis die Dinge wie gehabt weitergehen und an der Sieben-Minuten-Marke zu Ende gehen. Für die eingangs erwähnten Impros dürfte dieses Stück hier am ehesten geeignet sein. Die Lyrics gehen in eine ähnliche Richtung. „Why the tricks and why the teases?/Can't I simply please you for an hour?“ - Love puppets indeed.
Ich möchte nicht auf jeden einzelnen Song eingehen, hoffe aber, hiermit klargemacht zu haben, in welche Richtung sich diese LP bewegt. Große Teile des Albums sind in zwei Lager aufgeteilt: auf der einen Seite stehen die Stücke, die trotz all ihrer Schwächen einen naiven Charme haben, auf der anderen, die zum Glück seltener vertreten ist, die eben genau wegen ihrer Schwächen gegenüber dem Rest abfallen und den gegebenen Standard zu halten nicht in der Lage sind. Insgesamt steht „Curse“ bei mir aber recht hoch im Ansehen, nicht so hoch wie „Brighter Now“ aus dem Jahre 1982, um es mal bei den ersten Scheiben zu belassen, oder, wie schon angedeutet, „The Tower“, das sowieso über alle Zweifel erhaben ist, aber trotzdem würde ich den Dots relativ saubere und solide Arbeit attestieren.
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