Home arrow Musik arrow The Legendary Pink Dots – The Crushed Velvet Apocalypse 22 Februar 2012  
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The Legendary Pink Dots – The Crushed Velvet Apocalypse PDF Drucken
Geschrieben von triple   
04.12.2011

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Ein Königreich für eine gute Einleitung! Bei so viel Zeit, wie ich schon seit einiger Zeit in meine aus diesem Grund nur sporadisch erscheinenden Rezensionen stecke, fällt es mir oftmals schwer, den eigentlichen Text mit einem guten Anfang zu versehen. Manchmal mag das auch einfach der Natur des Rezensionsobjekts geschuldet sein, dass einfach alles richtig sitzen muss und für schludrig niedergeschriebene Einfälle und Stümpereien kein Platz bleibt, etwa dann, wenn man sich gerade seiner groupe favori annimmt, die einen seit Jahren begleitet und die man nun gerne einer breiteren Masse präsentieren möchte. In diesem Fall handelt es sich nicht nur um meine Lieblingsband, sondern auch gleich um eines meiner Lieblingsalben, weshalb ich mich natürlich ganz besonders hüte, einfach mal zu „machen“ und sehen, was am Ende dabei rauskommt. „The Crushed Velvet Apocalypse“ erschien im Jahre 1990 und ist bis heute definitiv, zweifellos und unbestreitbar einer der absoluten Favoriten der Fangemeinde seiner Erschaffer, der anglo-holländischen Legendary Pink Dots. Eigentlich könnte ich den Text an dieser Stelle mit lauter Superlativen und einer Kaufempfehlung beenden, aber starke Argumente für seine Sache liefern sieht anders aus, deswegen will ich ein wenig genauer werden. Selbstverständlich lässt sich über jedes Lied auf diesem Album etwas Gutes schreiben, der Übersichtlichkeit zuliebe werde ich es aber wie so oft bei einer kleinen Auswahl belassen, die ich etwas genauer unter die Lupe nehme.

Im Jahre 1980 haben Edward Ka-Spel AKA The Prophet Qa-Sepel AKA D'Archangel AKA Mustapha Nuthawun (man beachte das clevere Wortspiel) AKA Che Banana usw. und Phil Knight AKA The Silverman AKA Phil Harmonix zusammen mit weiteren Enthusiasten, deren Zusammensetzung in der Anfangszeit fast schon im Wochentakt wechselte, die Legendary Pink Dots gegründet und sind bis zum heutigen Tage dabei geblieben, ihre musikalische Vision voranzutreiben. Edward übernahm damals wie heute hauptsächlich den Part des Texters und Sängers, eines kauzigen Sängers allerdings, dessen verschrobener Gesang der beste Beweis dafür ist, dass man nicht immer eine natürliche Begabung und eine klassische Ausbildung besitzen muss, um im Gesamtgefüge unersetzlich zu sein. Phil dagegen ist vornehmlich der Mann an den Tasten, der, der auf der Bühne an den Keyboards und Synthesisern steht, auf „CVA“ aber auch an den Perkussionsinstrumenten tätig ist.

Relativ neu zu dieser Zeit war der wunderbare Blasinstrumentalist Niels van Hoorn, der letztes Jahr erst nach über zwanzig Jahren bei den Dots überraschenderweise ausgestiegen ist. Für die Saiteninstrumente, also Gitarre, Sitar und Bass, ist hier Bob Pistoor zuständig, der 1991 bedauerlicherweise an Krebs gestorben ist. Dass die Band seine Arbeit verehrt, kommt immer mal wieder zum Vorschein, an einer Stelle hat Edward ihn gar den besten Musiker genannt, den sie jemals hatten. Ganz ehrlich, das Urteil kann ich gut nachvollziehen, der Mann hat in seinen zwei Jahren großartige Arbeit geleistet. Das soll die Arbeit der vielen anderen ehemaligen Mitglieder, die ebenfalls einen sehr wichtigen Beitrag geleistet haben, nicht herabwürdigen, aber das virtuose Spiel dieses Mannes hat eine instrumentale Harmonie in die Musik eingebracht, die sich nicht einfach so erreichen lässt, indem man irgendeinen beliebigen Gitarristen ins Studio zerrt und in die Saiten hauen lässt. Das Klangbild der Dots war, ist und wird auch immer zu einem großen Teil von dem rotierenden Personalkarussell bestimmt und so war es nur die logische Konsequenz, dass die beiden festen Gründungsmitglieder Ka-Spel und The Silverman nach Pistoors tragischem Ableben und dem Rekrutieren weiterer Bandmitglieder ihre Richtung abermals geändert und einen neuen Sound eingebracht haben, der garantiert, dass das Klanggerüst lebendig bleibt und nicht einfach bloß wie ein Versuch wirkt, seine eigene glorreiche Vergangenheit immer wieder und wieder zu kopieren.

Den Anfang macht „I Love You in Your Tragic Beauty“, wahrscheinlich das am leichtesten konsumierbare Lied auf der gesamten LP. Das Genre lässt sich bis zur Zwei-Minuten-Marke treffend und ganz unkompliziert als Folk kennzeichnen, sanfte Gitarrenmusik, die aber leicht distanziert und oberflächlich wirkt, unterlegt mit schmachtendem Gesang, wenn man ihn so nennen will. Danach geht das Stück für die restlichen ungefähr zwei Minuten in einen Instrumentalpart über, der neben dem Keyboard von Niels' vielleicht nicht übermäßig technischem, aber dennoch passendem und gut ausgeführtem Flöten- und Saxophonspiel dominiert wird. Als ich dieses Lied zum ersten Mal ausschnittweise hörte, war ich zwar angetan, dachte aber aufgrund meiner damaligen musikalischen Beschränktheit erst, die Dots wären eine Folkband und somit zwar nett, aber nichts für die Dauer. Wie falsch ich mit dieser naiven Einschätzung lag, wurde mir kurze Zeit später bewusst.

Track 3, “Hellsville”, ist fies, aber auch sehr interessant. Das Zusammenspiel der verschiedenen Instrumente ergibt hier etwas, das sich am ehesten der Schublade “Industrial” zuordnen lässt und sich auch leicht rockig anfühlt, aber einfach zu weird ist, zu chaotisch und sich der “Schubladisierung” verweigernd, als dass man sich im Endeffekt auf etwas anderes als “Avantgarde” oder “Psychedelia” einigen könnte. Eine gewisse rudimentäre Form der Koordination findet sich hier weitgehend, aber darüber hinaus haben das kratzige Saxophon, die heulende Gitarre und die primitiven Drums viel Raum zur Entfaltung. Edward ergeht sich hier im Refrain in einem eigenartigen monotonen, fast rituellen Singsang, verstellt seine Stimme im Laufe des Stücks mehrmals und lässt sie durch verschiedene Effekte laufen. Sehr eindrucksvoll, aber für den weichgespülten Hörer nicht sonderlich angenehm und schon gar kein Hörgenuss.

Das Lied an sechster Stelle nennt sich „Just a Lifetime“. Dans cette chanson besingt Edward in seiner charakteristischen Art den herbeieilenden Untergang des Planeten Erde, dessen einzige Triebkraft menschlicher Wahn ist. Dabei benutzt er eine sehr bildhafte, poetische Sprache und stellt, wie so oft, unter Beweis, dass er über sehr viel lyrische Finesse verfügt und wunderbar mit dem Englischen umgehen kann. „Weeping like the ghost of winter, we watch our tears kiss ash and turn to steam. We walk on hot coals where a stream meandered. Tarred and tanned. We flex and count the tumours on our hands – spreading swiftly now. For this, we waited just a lifetime.“ Musikalisch sieht es ebenfalls es sehr licht aus. Die grundlegende Melodie, hauptsächlich erzeugt von Cembalo-ähnlichen Klängen, einer Klarinette und leicht unregelmäßigen Drums, verhält sich kontrapunktisch zum Liedtext und schafft im Hörer vermutlich weniger Visionen einer dystopischen Zukunft als vielmehr eine gewisse Melancholie, die in Kombination mit dem Text einen bitteren, zynischen Beigeschmack erhält. Bereits innerhalb dieses einen knapp achtminütigen Lieds wird einem viel Abwechslung geboten, denn anstatt stumpfsinnig eine Tonfolge die ganze Zeit zu wiederholen, wird auch gerne mal in einigen Bereichen stark variiert, gegen Ende gibt es sogar noch ein sehr schönes E-Gitarrensolo zu hören, bis das Stück dann in einem vielschichtigen Crescendo endet. Ein unfassbar grandioses Lied, das für sich genommen schon den Kauf wert wäre.

Mit besagtem Lied haben die LPDs die Messlatte für alles Weitere bereits in astronomischen Höhen angesetzt, aber nach dem unheimlichen, verstörenden „The Death of Jack the Ripper“ zeigen sie mit Track 8, dass es noch eine Kerbe besser geht. „New Tomorrow“ heißt das gute Stück und umkreist rein inhaltlich ähnliche Themen wie „Just a Lifetime“, bewegt sich dabei aber mehr auf einer politischen Ebene und lässt nicht außer Acht, dass auf jede Finsternis irgendwann Licht folgt. In zehn Minuten wird einfach eine unglaubliche Atmosphäre erschaffen – meist ruhig, zwischendurch chaotisch und derangiert, aber immer mit sehr viel Leidenschaft. Das hat nicht mehr viel mit den Dots gemeinsam, die zehn Jahre vorher noch ein paar einfache Tonfolgen auf dem Billigkeyboard geklimpert haben, das hier ist erwachsen.Viel besser weiß ich es nicht zu beschreiben und anstatt jetzt einfach die benutzten Instrumente aufzuzählen, überlasse ich es jedem selber, sein bevorzugtes Videoportal oder Streaming-Dienst nach diesem Wunderwerk zu durchsuchen. Nur so viel: als mir vor über drei Jahren wie aus dem Nichts der Gedanke kam, „legendary pink dots“ ins Suchfeld eines Versandhändlers einzugeben und in die Resultate reinzuhören, bin ich zuerst bei diesem Album gelandet. Trotz gerade mal dreißigsekündiger Hörproben war mein Interesse schnell geweckt, aber bei „New Tomorrow“ bin ich sofort dahingeschmolzen und habe mir, bis die CD ankam, genau diese kleine Kostprobe ungezählte Male erneut angehört. So gut war selbst dieser kurze Ausschnitt.

Selbstverständlich weiß jeder Musikliebhaber, dass Vinyl ein wunderbares Format ist und mindestens optisch weitaus mehr hergibt als eine CD im schmucklosen Jewelcase. Damals, Ende der 80er, Anfang der 90er, waren es allerdings die Käufer der Kompaktdisketten, die von den Dots mit mehreren Bonustracks, die die Spielzeit ein gutes Stück in die Höhe treiben, belohnt wurden, was wahrscheinlich der weitaus höheren Kapazität im Vergleich zur LP geschuldet ist. In diesem Fall wurden den ursprünglichen neun Liedern noch vier weitere beigefügt, eines davon CD-exklusiv, drei von der im Vorfeld als 12” veröffentlichten “Princess Coldheart”-EP. Diese 3-Track-EP hat zwar nicht denselben Klassikerstatus inne wie das Hauptalbum und wirkt mehr wie ein Interludium in drei Akten, ist aber dennoch eine gelungene Ergänzung eines fantastischen Kunstwerks.

Ein immer wiederkehrendes instrumentales Thema auf “CVA” ist eine mitunter beklemmende Gefühlskälte, die so konsequent bisher noch nicht durchgeführt wurde und auf Dauer schwer verdaulich sein kann – da verwundert es kaum, dass die LPDs auch bei einigen Goths gut ankommen und bereits mehrmals auf Festivals wie dem Wave-Gotik-Treffen gespielt haben. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Titeltitel, “Princess Coldheart”. Der erzählt nämlich die Geschichte einer stummen Prinzessin, die auf die Liebe ihres Lebens wartet, deren Kuss ihr die Sprache wiedergeben wird, und jeden Bewerber, der sie nicht beeindrucken kann, kaltherzig umbringt. Das ist der Stoff für einen ambiguen Popsong und genau das ist es, was der Hörer hier geliefert bekommt: oberflächlich betrachtet ist da eine eingängige Melodie, nur schwingt halt ständig ein Gefühl eisiger Kälte und emotionaler Abwesenheit mit, das dem Titel nur allzu gerecht wird, und nicht nur wegen des Textes.

Übrigens ist im Jahr 2010 eine remasterte Version des Albums erschienen. Ich selber bin im Prinzip sehr angetan von Zdislaw Beksinskis abstrakten digitalen Zeichnungen, die die Cover der polnischen “Big Blue”-Editionen zieren, aber “CVA” ist so ein Fall, in dem mir das originale Coverartwork am besten gefällt. Von daher ist es mir nur recht, dass man sich bei “Soleilmoon” für Letzteres entschieden hat. Wer die Special Edition kauft, was ich bei dem geringen Aufpreis nur empfehlen kann, da es den optischen Aspekt ungemein aufbessert, kriegt die CD in einem pinken Beutel aus Knautschsamt (crushed velvet) geliefert, zusammen mit einigen gutaussehenden Fotoaufnahmen im Postkartenformat und einem kleinen Metallanstecker. Gewidmet ist diese Neuauflage dem besagten Bob Pistoor.

Klanglich gibt es nicht viel Auffälliges. In erster Linie ist das Ganze halt ein wenig lauter, vielleicht wurde auch hier und da an kleineren Details gefrickelt, aber das Erlebnis ist in dieser Hinsicht weitgehend unverändert geblieben. Nun mag man einerseits sagen, dass es unnötig ist, ein Remaster zu veröffentlichen, das sich – so scheint es jedenfalls – nicht wesentlich vom zwanzig Jahre alten Original unterscheidet und das es zudem noch problemlos bei allen geläufigen Händlern zu kaufen gibt, aber andererseits kann man froh sein, dass mit Raymond Steeg ein nicht ganz unfähiger Bursche an den Reglern sitzt, für den es eigentlich kein Problem sein sollte, aus den Originalaufnahmen ein soundtechnisches Feuerwerk zu erzeugen, was er hoffentlich bei zukünftigen Remasters noch besser zur Schau stellt. Dringenden Verbesserungsbedarf kann ich bei den klassischen Alben nicht ausmachen, der Sound ist auch so schon ziemlich klar, aber das Potenzial ist durchaus vorhanden. Vielleicht liegt meine Einschätzung aber auch bloß an meinem Equipment, sollte also jemand besser Bestücktes etwas vollkommen anderes hören, bitte ich um Verzeihung.

Ich bin mittlerweile im Besitz von unzähligen Alben dieser wundervollen Gruppierung und obwohl keines davon als Totalausfall bezeichnet werden kann, bin ich der Überzeugung, dass “The Crushed Velvet Apocalypse” einer der definitiven Höhepunkte, wenn nicht DER Höhepunkt der sehr umfangreichen Dotsographie ist. Im Gegensatz zu anderen Fans würde ich es allerdings nicht den bestmöglichen Einstieg nennen, wie ich bereits an anderer Stelle erwähnt habe, und Neulingen zum Einstieg anstelle dessen lieber das zugänglichere, wärmere “The Maria Dimension”, das ich ebenfalls rezensiert habe, ans Herz legen würde. Mir selber fehlte anfangs der Zugang zu “CVA”, weshalb es zwar in meinen Augen supergut war, aber in seiner Gesamtheit eben auch sehr anstrengend, ein Umstand, der sich erst mit der Zeit gelegt hat. Ansonsten ist es schwer, zu überhören, weshalb es sich hierbei um einen Klassiker und Fanliebling handelt: es ist wahnsinnig vielseitig und wechselt x-mal das Genre, ohne sich auf mehr als Oberbegriffe wie “Experimental” oder “Psychedelia” festzumachen. Das Line-Up ist hier nach meiner Meinung auf seinem Höhepunkt angelangt. Die Spielfreude lässt sich an allen Ecken und Enden raushören und mit dem sympathischen Blasinstrumentalisten Niels van Hoorn, dem bereits erwähnten Bob Pistoor und dem Techniker Hanz Myer an der Seite der beiden Stammmitglieder Ka-Spel und Knight sind die LPDs wirklich ideal besetzt. Diese sympathische Truppe hat wie keine andere meinen Sicht auf die Kunstform der Musik verändert, meinen Horizont ungemein erweitert und mir die Protagonisten selbst der extremsten Genres schmackhaft gemacht. Aus meiner Sicht gilt: wer kreative, experimentierfreudige Musik von Herzen liebt und dieses Album (sowie andere Bestandteile der Dotsographie) nicht in seiner Plattensammlung hat, verpasst etwas. Hier vergebe ich gerne die volle Punktzahl.

Bewertung
10/10
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