|
Anfang der 90er befanden sich die Legendary Pink Dots auf einem bis dahin nicht und seitdem nie wieder erreichten Höhepunkt, in der Blüte ihrer Jahre, sozusagen. So lautet jedenfalls die Meinung vieler Fans, die zwar auch den musikalischen Output in den Jahren davor und danach zu schätzen wissen, ihm aber nicht die Genialität der damaligen Must-Have-Alben attestieren können. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dieser Sichtweise völlig d'accord bin, teile aber trotzdem die Begeisterung für die wirklich ganz wunderbare Musik, die in dieser Zeit erschienen ist. Lieder für die Ewigkeit, mag man gar sagen, wenn denn nicht nichts Ewigkeit wäre und es sich dabei um mehr als eine hohle Phrase handeln würde. 1994 haben die Dots jedenfalls ein über drei Tage verteiltes Konzert in Paris gegeben, aus dem neunzehn Jahre später ganze zweieinhalb Stunden extrahiert, qualitativ aufbereitet und auf Datenträger gebannt wurden. Eigentlich machen die Dots auf ihren Konzerten, soweit ich weiß und sie sich auf „The French Collection“ präsentieren, alles richtig, was man nur richtig machen kann. Viele Bands sind live einfach nichts wert oder hören sich nicht so gut an wie im Studio, weil sie diverse Fehler begehen, die sich unter ihresgleichen häufig etabliert haben und sich in manchen Fällen auch gar nicht mehr wegdenken lassen. Einer dieser Kardinalfehler, gleichzeitig einer der populärsten, ist es, wenn die Band ihr einstudiertes Liveset lieblos und steril runterspielt und dabei so gut wie überhaupt nicht mit dem Publikum kommuniziert, sich höchstens kurz für den Applaus bedankt und dann unbeirrt sein Programm fortführt. Ein weiteres Verbrechen besteht darin, sein Publikum dahingehend einzubinden, dass es bekannte Lieder teilweise selber intoniert, sodass das resultierende Gegröle den Sänger zeitweise ablöst und einen gleichzeitig akuter Ohrenkrebsgefahr aussetzt. Es gibt mehr als einen Vokalisten, der exzessiv Gebrauch von dieser Foltermethode gemacht hat. Fehler Nummer drei: dilettantische Neufassungen seiner Lieder spielen, bei denen klar wird, dass die Musiker krampfthaft versuchen, dem Zeitgeist zu entsprechen, dabei aber tatsächlich nur unter Beweis stellen, dass sie entweder hoffnungslos veraltet sind oder bei der Neuschaffung Stümper am Werk waren, mit denen die Band nicht immer etwas zu tun haben muss. Wenn man weiß, wie man's richtig macht, ist das natürlich kein Problem, vielleicht sogar eine Bereicherung. Die LPDs umschiffen diese Katastrophen geschickt und liefern eine gesunde Mischung aus allem. Wenn es etwa nicht möglich ist, einen bestimmten Effekt live zu reproduzieren, wird keine Konserve eingespielt, sondern etwas komplett anderes eingebracht, das sich zumindest als Alternative sehr interessant anhört. Selbes gilt, wenn man einfach nur ein wenig Abwechslung schaffen will, ohne gleich das Original zu verstümmeln, das die Fans so lieben. Jams und Impros sind ebenfalls zu hören, wo sie angebracht sind. Sehr schön und manchmal auch witzig ist es außerdem, wie Edward seinem Publikum einfach mal ein gesprochenes Intro zu einem Song bietet, das das Lied kurz umreißt, gerne mit finsterem Geblubber unterlagt, ohne dabei zur Labertasche zu werden, die ihrem Publikum mit irgendwelchen Trivialitäten die Ohren vollquatscht. Ein dickes Lob für diesen Spagat. Ein Lied, das von seiner Liveaufführung eindeutig profitiert, ist „Arzhklahh Olgevezh“. Wer meine Review zu „Curse“ gelesen hat, wird wissen, dass ich von diesem Stück eigentlich nicht sehr viel halte. Zu banal, zu cheesy, zu schlecht umgesetzte Idee. Die Liveversion auf diesem Album macht vieles besser. Bass und Drums sind zwar nach wie vor weitgehend unverändert vorhanden, stören aber in diesem Kontext nicht mehr sonderlich. Der Nonsens-Text hat einige Veränderungen erfahren, obwohl er mir auch in dieser Fassung nicht viel mehr Sinn zu ergeben scheint, als es vorher der Fall war. Klar verbessert hat sich Edwards Gesang, der hier streckenweise viel an Dynamik gewinnt, wobei sein Geschrei zum Schluss sogar recht komisch wirkt. Ich finde sowieso, dass der Humor in der Musik der Dots häufig unterschätzt und sie zu bierernst genommen wird – was sie natürlich oftmals auch ist, keine Frage, aber eben längst nicht immer. Musikalisch hat sich auch einiges getan, an einigen Stellen geht es deutlich lauter und krachiger zu als vorher. Aber wie gesagt, das ist nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Ebenfalls eine hörbares Facelifting erfahren hat „Break Day“ bzw. hier „Breakday“. Zwar wird der Prophet auch hier im Refrain ziemlich laut, aber dafür geschieht das vor einem weniger noisigen und vielmehr symphonischen Hintergrund, in dem es nicht der zischende Klang der „Bohrmaschine“, sondern die Violine ist, die das verstörende Geschrei Ka-Spels begleitet. Generell klingt der Song in der hier präsentierten Ausgabe eine ganze Ecke heller und sanfter, ist aber weit davon entfernt, zahnlos zu sein. Außerdem möchte ich unmissverständlich zu verstehen geben, dass ich das die ursprüngliche Version ebenfalls für sehr gelungen halte. An dieser Stelle möchte ich jedem nahelegen, sich das Original anzuhören, von dem auf der „French Collection“ übrigens noch „Tower 2“ vertreten ist, um einen Vergleich zu haben. Eine sehr schöne 40-minütige Odyssee in eine verhängnisvolle Zukunft, die das damalige politische Klima in England im Jahr 1984 perfekt widerspiegelt. Da – man übersehe nicht die gut platzierte und zeitlich passende Orwell-Referenz – fügt sich Edwards Ansage, laut der es sich hierbei um ein Lied über „the decline of the Old Country“ handelt, prima ins Gesamtkonzept ein. Eines der amüsanteren Stücke ist „Crumbs on the Carpet“ vom „9 Lives to Wonder“-Album. Ein schöner Groove, viel Rhythmus und eine humoristische Vokalperformanz bilden hier die Essenz eines Songs, der sich auch ausnahmsweise auch wunderbar zum Mitsingen eignet, jedenfalls im Refrain. Dieser Kehrvers, den Edward ritualistisch immer wieder chantet, bleibt insbesondere in Verbindung mit der kratzbürstigen, abgedrehten Instrumentierung, stundenlang im Gedächtnis kleben. Guter Rhythmus, schön energisch, so soll es sein. Wie gesagt, die weniger ernste Seite der Dots wird oft vollkommen übersehen, was der Band meiner Ansicht nach Unrecht tut. Besagter LP entstammt ebenfalls „Nine Shades to the Circle“, mit einer Spielzeit von gut 17:30 eindeutig das längste Stück ist, das in jener Nacht in Paris gespielt wurde, und sogar noch ganze sieben Minuten länger als die Studioversion ist. Sein tiefgehend experimenteller, psychedelischer, abgedrehter Charakter ist immer noch vorhanden, immer noch hört es sich nach einem musikgewordenen Drogentrip an, dafür hat die Liveversion den einen oder anderen Part, der der letztendlich im selben Jahr auf dem Studioalbum gelandeten Edition fehlt, und kann überdies einen völlig anderen Text aufweisen, der in der Tat die Vermutung nahelegt, dass in der Entstehung dieses Liedes gewisse illegale Substanzen involviert waren. Nun ja, alles für die Kunst, nicht wahr? Mit der richtigen Haltung lässt es sich zum Glück auch völlig nüchtern genießen und das ist das Wichtigste. Auf jeden Fall ein ganz großes Meisterstück, das so nur von den Anglo-Holländern hätte kommen können. Ich weiß ja nicht, wie sehr das in der „Curse“-Rezension rübergekommen ist, aber „Lisa's Party“ befindet sich unter meinen Lieblingsliedern aus der umfangreichen Dotsographie. Dieser naive Charme und die süße, poppige Melodie haben's mir einfach angetan und dementsprechend glücklich bin ich darüber, dass die Gute sich ebenfalls einer Liveaufführung erfreuen kann. Ganz wunderbar find' ich auch, dass man sich hier ebenfalls dafür entschieden hat, die tolle Vorlage um ein atmosphärisches Intro zu ergänzen, in dem Ka-Spel einen Einblick in die Thematik oder auch Handlung des Liedes gibt. Das Gefühl, das man hat, wenn man auf „Parties“ geht. Eine bestimmte Art von Party. Man versucht, sich mit den anderen Gästen zu unterhalten, merkt aber schnell, dass diese Menschen einfach schrecklich langweilig sind, also fängt man an, sich Gedanken darüber zu machen, was mit all diesen Leuten um einen herum geschehen könnte. Was man alles gerne mit ihnen anstellen würde... ganz nach dem Vorbild Lisas. Eine nett klingende Einführung in eine eigenartige kleine Geschichte, die hier allerdings mit weitaus fortgeschritteneren Instrumenten unterlegt wird. Lautere Drums, Klavier und Saxophon begleiten nun das Keyboard und sorgen gleich Edwards Gesang, der sich in den Jahren davor generell enorm verbessert hat, für ein lebendigeres Endprodukt, das, wie schon erwähnt, einen sehr hörenswerten Kontrast zum Original bildet. Schlechtes gibt es eigentlich kaum über dieses Doppelalbum zu sagen. Vielleicht hätte man mit der Setlist ein etwas breiteres Zeitspektrum abdecken können, denn während die gespielten Stücke bis in die frühen 80ern zurückdatieren und auch sehr viel zur damaligen Zeit Aktuelles gespielt wurde, fehlen mir ein paar Releases, von denen die ganzen zwei Stunden nichts gespielt wurde, z. Bsp. „Any Day Now“ oder „The Lovers“, das eigentlich auch ein Livealbum ist, aber ausschließlich aus exklusiven Stücken besteht, die nirgendwo anders zu finden sind. Aber gut, dass man sich lieber auf die neueren Sachen konzentrieren und vielleicht noch ein paar Klassiker bringen wollte, anstatt ein einfaches Best-Of zu präsentieren, ist verständlich – ein paar Songs aus den Jahren davor, „Cloud Zero“, „The More It Changes“ o. Ä. live zu hören, von denen mir bis auf die Studioversionen keine anständigen Aufnahmen bekannt sind, hätte mich aber schon gereizt. Außerdem schwächelt „Bella Donna“, auch bekannt als „Belladonna“, in diesem Kontext ein wenig, denn der Livedarbietung fehlt meiner Ansicht nach die Sanftheit und Melancholie, die das Original auf „The Maria Dimension“ so genial gemacht hat. Aber da hört es auch schon auf. Was übrig bleibt, ist ein wirklich sehr gelunges Livealbum, das die Dots auf zwei CDs – oder vier LPs, wenn man bereit ist, die teure Vinylfassung zu bezahlen – in bester Verfassung und äußerst spielfreudig zeigt, und obwohl die Setlist chronologisch ein wenig begrenzt ist, fällt das beim Hören nicht übermäßig ins Gewicht. Bei der eingängs erwähnten Länge von über 70 Minuten pro CD kriegt man auch hinsichtlich der Spielzeit viel für sein Geld geboten. Glücklicherweise ist auch das Publikum ein sehr dankbares, das weitgehend darauf verzichtet, während der einzelnen Songs zu johlen, zu pfeifen, zu quatschen oder was für Unarten sonst noch unter verschiedenen Publika Schule gemacht haben, und bricht dafür erst am Ende, manchmal auch direkt am Anfang eines Lieds, in euphorisches Klatschen und Jubeln aus. Da liegt auch schon der Hund begraben: warum hören so wenige Leute die Legendary Pink Dots? Offenbar sind an diesem Abend rund 300 Leute erschienen, was nicht gerade viel ist, und auch, wenn die Fangemeinde seitdem sicher beträchtlich gewachsen ist, würde ich den Herren durchaus gönnen, dass sie nicht andauernd um ihr tägliches Brot kämpfen müssen, wie es anscheinend heute der Fall ist. Verpasste Gelegenheiten wie die Anfrage von Warner Bros. Anfang der 90er, die in der Fanpost verloren ging, machen die Sache auch nicht besser. Aber andererseits: vielleicht wären die LPDs dann heute auch nicht mehr da, wo sie jetzt sind, und das wäre ja zumindest für uns Fans – ihrem unverdienten, aber regelmäßigen finanziellen Struggle zum Trotz – sicherlich auch schade, oder?
Im Forum kommentieren |