Home arrow Musik arrow The Legendary Pink Dots - The Maria Dimension 22 Mai 2012  
Kingdom of Desire
HomeForumImpressum
Spiele
Bücher
Filme
Hardware
Musik
Konzerte
Artikel
Wrestling
 
The Legendary Pink Dots - The Maria Dimension PDF Drucken
Geschrieben von triple   
13.11.2008

Image 

Unter vielen Musikliebhabern hat sich folgender Satz als Faustregel etabliert: was lange währt, wird endlich gut. Ergo gelten weite Abstände zwischen zwei Veröffentlichungen für gewöhnlich als Merkmal eines guten Albums, umgekehrt verhält es sich dann natürlich auch so, dass ein relativ hoher Output ab einem bestimmten Punkt einfach untragbar wird und Nichtigkeiten oder ursprünglich positive Merkmale plötzlich als für die Endwertung ausschlaggebende Kritikpunkte herangezogen werden; natürlich bezichtige ich längst nicht jeden Musikreviewer eines derartigen Dilletantismus, mir sind solche Dinge bloß häufiger aufgefallen. Ebenso zweifelhaft finde ich es übrigens, grundsätzlich neuere Alben als schlecht zu bezeichnen oder zu denken: „jetzt hab' ich genug positive Kritiken verfasst, da muss auch mal etwas Schlechtes dazwischen“. Die erstgenannte Art von Leuten dürfte sich insbesondere mit den anglo-niederländischen Legendary Pink Dots deutlich schwer tun. Nicht nur, weil die Band selbst eine enorme Diskografie von über 40 Alben plus eine lange Reihe Singles und EPs sowie knapp 25 Compilations, viele davon mit gesuchten Stücken, vorweisen kann (von denen aber leider viele bloß in limitierter Auflage erhältlich waren und bis heute nicht wiederveröffentlicht wurden), auch deshalb, weil sich ihr Oberhaupt bereits drei Jahre nach dem ersten LPD-Album später ganz nebenbei an einer Solokarriere versucht hat und bis zum heutigen Tage selbst noch mal für über 30 Alben und einige Singles wie auch EPs verantwortlich zeichnet; ganz zu schweigen von all seinen Nebenprojekten, die zusammen sicher noch mal um die 15-20 Vollzeitalben und noch so einiges mehr veröffentlicht haben. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass das erste Album der Dots im Jahre 1981 erschien. Diese konstante Arbeitslust mag so manchem Interpreten zwar im übertragenen Sinne den Kopf gekostet bzw. für einen Gesichtsverlust gesorgt haben, in diesem Fall ließe sich ein scharfer Kritiker aber meist leicht als [beliebige Beleidigung einfügen] entlarven. Weshalb, möchte ich mit einem der in den Augen vieler Fans besten Platten, das 1991er-Album The Maria Dimension, beweisen.

LPD spielen eine Mixtur aus zahlreichen Genres, die englische Wikipedia listet sie folgendermaßen auf: Ambient, Avantgarde, Experimental, Folk, Goth, Industrial, Noise, Neo-Psychedelia, Rock, Synth Pop. Anstatt noch diverse an anderen Stellen zitierte Stile mit einzubringen, würde ich vorschlagen, das Ganze schlicht und ergreifend auf Experimental zusammenzufassen; damit hätte man jedenfalls die Essenz der Musik eingefangen. Auf TMD passt diese Beschreibung ebenfalls, wenn hier auch zu großen Teilen die - nun ja, nicht konventionelleren, aber doch eingängigeren Songs vertreten sind, von denen allerdings verschiedene Facetten. Von melancholischen Popsongs über zuckersüße Folkballaden bis hin zu verschrobenen psychedelischen Klangkonstrukten ist hier so einiges von dem enthalten, was die Band ausmacht.

Ansonsten ist auch noch Edward Ka-Spel (auch bekannt als D'Archangel, Che Banana, The Prophet Qa-Sepel oder Qa'Spell) eine Sache für sich. In seiner Funktion als Sänger wurde er mehrmals als eine Gothicversion von Syd Barrett bezeichnet, auch deshalb, weil er als äußerst exzentrisches Genie am Rande des Wahnsinns gilt (den ihm einige Individuen sogar uneingeschränkt attestieren; zu seiner Person äußere ich mich unter anderem aus Mangel an Kenntnis nicht. Dafür möchte ich aber an dieser Stelle erwähnen, dass es durchaus Menschen gibt, die eben auf Grund ihrer tiefschürfenden Überlegungen und im positiven Sinne unzeitgemäßen Theorien vom oberflächlichen Mainstream verurteilt werden; solche Behauptungen halten also nicht immer). Das ist zwar nicht ganz unpassend, aber auch nicht gerade die treffendste Bezeichnung. Ich würde nicht länger überlegen, mit wem er sich sonst so vergleichen ließe, auch deshalb, weil sowohl der Mann als auch seine Band es nicht verdient haben, sondern einfach mal sagen, dass Ka-Spel kein Sänger im klassischen Sinne ist. Er ist nicht der Typ, der den ganz großen Vokalisten irgendwie das Wasser reichen kann, zumal er sich teilweise auch anhört, als wäre er mitten im schlimmsten Stimmbruch steckengeblieben; er versucht aber noch nicht mal, einen dieser Umstände zu ändern. Diese erfrischende Art von Bodenständigkeit schafft sonst in der modernen Musik niemand, das ist bemerkenswert, hiermit hat er sich eindeutig zum geeignetsten Sänger qualifiziert; jetzt mal ganz davon abgesehen, dass seine unverkennbare Stimme auch zur Musik passt. Zudem sind seine sporadisch auftretenden gerollten R's einfach liebenswürdig.

Bevor ich mich an die Beschreibung einzelner Songs heranwage, gehört gesagt, dass das, was für gewöhnliche Bands der Tod ist, bei den Dots positiv hervorzuheben ist. Das gilt einerseits für den Gesang, wie oben erläutert, andererseits auch für den musikalischen Bereich. Nicht nur wird hier komplett auf Bombast verzichtet (auch wenn zwei, drei Stücke vielleicht etwas in der Art zu vermitteln suchen, die klingen aber in der Hinsicht am Ende doch wieder so wie die anderen Lieder), die einzelnen Stücke hören sich durch diesen Umstand sogar ziemlich dünn und abgespeckt an. Der Sound hat sich hier nicht dem Zeitgeist angepasst, sondern geht seinen ganz eigenen Weg. Neben der Verwirklichung eher abstrakter Kunst haben die Dots aber auch klassischeres Songwriting drauf, das wird auf TMD ebenfalls unter Beweis gestellt.

Die einzelnen Lieder unterscheiden sich, wie gesagt, sehr voneinander. The Grain Kings bspw. ist eine der experimentiellsten Nummern des ganzen Albums: es ist nur schwer zu beschreiben, aber ich würde es mal als eine Mischung aus Industrial, Ethno/Weltmusik und einem guten Batzen Noise bezeichnen; trotz meiner Abneigung gegenüber letzterem Genre ein sehr gutes, wenn auch nicht sehr hörbares Stück, das auch zeigt, wie wertvoll die Arbeit von Gründungs- und permanentes Mitglied bis heute, Keyboarder und Lärmerzeuger Phil Knight (aka The Silverman oder Phil Harmonix) ist. Das für mich schönste Lied nennt sich Third Secret. Das ist oberflächlich betrachtet ein traumhaft schöner Popsong, aber unter der Oberfläche besteht dieses Lied von instrumenteller Seite in der Hauptsache aus Details, die das Stück so einzigartig machen. Schrecklich verkehrt vor sich hinwabernde Synthklänge, die zwei Minuten vor dem Ende einsetzende synthetische Streicherimitation mit extrem vereinfachter Tonfolge, melodisches Grummeln, das manchmal den Anschein erweckt, aus einem 10€-Billigkeyboard zu kommen, und ein sehr monotones, dumpfes Schlagzeug machen das Lied genau genommen aus. Das mag sich grauenvoll anhören, ist aber in der Tat ein ungewöhnliches Klangerlebnis abseits von allen Anforderungen, die man sonst an konventionelle Populärmusik stellt. Fourth Secret ist noch mal eine Ecke anders, das hört sich ganz deutlich nach “fernöstliches Kloster mit einer kleinen Gruppe von Mönchen, die ein zweizeiliges Mantra aufsagen” an. Viertes Beispiel: A Space Between. Das Keyboard läuft Ton für Ton balancemäßig von links nach rechts, das Schlagzeug kommt nur in Schüben, die üblichen Gimmicks sind auch vertreten, und der Gesang... schlimm. Unter normalen Umständen, aber wie ich bereits erklärt habe, sollte man hier eben auch keine gewöhnlichen Maßstäbe anwenden. Ganz ehrlich, Edward trifft in diesem Lied nicht einen einzigen Ton und singt so schief, wie man nur singen kann, das hat schon etwas Komisches. Mir gefällt's aber.

Nur, damit der durchschnittliche Leser nicht allzu sehr abgeschreckt wird, möchte ich noch mal ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Pink Dots in ihrer über 25-jährigen Karriere auch herkömmlichere Lieder aufgenommen haben, von denen sich auf diesem Album auch ein paar befinden. Da wäre einmal Home, das einzige Instrumental auf TMD, das ist wunderbar entspannte New Age-Musik mit einer Mischung aus gitarrenähnlichen Klängen und einem deutlich als solchen zu identifizierenden Synthesizer/Keyboard und bei gemäßigter Lautstärke prima geeignet zum Einschlafen. Ansonsten würde ich noch Belladonna nennen, ein balladeskes Stück Folk, bestehend aus, natürlich, Gitarre, darüber hinaus Synthesizer, einem meist eher passiven Saxofon und einem Edward, der tatsächlich mal verhältnismäßig gut singt. Um prinzipiell passende, wenn auch abstruse Formulierungen wie “Man taucht in das Lied ein und ertrinkt in seiner zurückhaltenden Anmut” zu vermeiden, sage ich einfach mal, dass mir der Song gefällt, und zwar sehr, eben wegen dieser “zurückhaltenden Anmut”.

Weiter im Text: Edwards geheimnisvolle Lyrics wechseln häufig die Tonart, behalten aber in vielen Fällen ihre apokalyptische Atmosphäre bei. Sie sind nichts als gewaltig, und selbst wenn man sich bei der Interpretation zu fantasielos gibt, hat man immer noch die Sprache. Ich will hier keine Auszüge bringen, sondern einfach mal vorschlagen, auf einschlägigen Seiten nachzusehen: teilweise sind da, wie in Belladonna oder Cheraderama, richtige Schätze an symbolischer Wortgewalt verborgen.

Der Hauptgrund dafür, dass man die Dots, wenn man sich denn als Fan bezeichnet, eigentlich bloß lieben kann, ist der, dass sie, wenn man sie genau so nimmt, wie sie sind, einfach kein schlechtes Album hervorbringen können, mal von eventuellen Defiziten in den Bereichen der Klangqualität abgesehen. Für mich ist es blanker Unsinn, negativ anzumerken, dass sie auf diesem oder jenem Release zu abstrakt oder wie auch immer klingen: von dieser Band erwartet man, dass sie experimentiert, das kann in jede Richtung gehen; wer sich damit nicht mehr oder weniger zurechtfindet, darf sich nach meiner bescheidenen Meinung auch nicht als Die Hard-Anhänger dieser Gruppe sehen, so gewagt sich diese Aussage auch anhören mag. Ich würde mich auch nicht unbedingt freuen, wenn man jetzt auf ghettotauglichen Hip-Hop umsteigen würde, aber das macht das Ganze zumindest im Prinzip nicht schlechter; wobei ein solcher Genrewechsel dann auch wieder eine Diskussion wert wäre. Jedenfalls: ich habe Verständnis dafür, dass man die ganz frühen Alben auf Grund des wirklich, wirklich schrottigen Equipments, das damals verwendet wurde, möglicherweise nicht so sehr zu schätzen weiß, aber im Grunde genommen waren die Dots auch schon damals das, was sie heute sind. Vielleicht mit dem Unterschied, dass ihre Musik im Laufe der Jahre immer aussagekräftiger wurde.

Zugegeben, manche Dots-Releases sind eingängiger und damit auch einsteigerfreundlicher als andere, und wenn man nun daran die Qualität misst, kann ich mir vorstellen, dass TMD tatsächlich eines der besten Alben ist (deswegen habe ich ein Review dazu auch einem zu bspw. dem Vorgänger The Crushed Velvet Apocalypse vorgezogen), aber eben wegen dieses Hanges zum Außergewöhnlichen kann ich das Album nicht unter normalen Gesichtspunkten bewerten. Mir gefällt die warme und herzliche Ausstrahlung insgesamt und das hier wäre aus den eingangs erwähnten 100-110 möglichen Fulltime-Releases möglicherweise dasjenige, das ich im Falle eines Falles mit auf eine einsame Insel nehmen würde (das kann sich allerdings auch sehr schnell ändern, schließlich ist gerade mal ein verschwindend geringer Bruchteil der Alben in meinem Besitz), aber mehr kann ich dazu eben auch nicht anmerken, weswegen ich auch keine Note vergeben werde. Bloß noch einen Tipp an diejenigen, die sich das gerne mal anhören würden: nehmt dieses Album, hört es euch genau an und, wenn ihr tatsächlich Gefallen daran finden solltet, kauft bei weiteren LPs einfach blind drauflos, ohne euch etliche Rezensionen im Internet durchzulesen; so würde ich es jedenfalls tun, schließlich ist die Musik hier mehr als sonst eine subjektive Erfahrung und lässt sich nicht irgendwie beschreiben, ohne vollkommen lückenhaft und ungenügend zu sein. Wenn ihr wollt, könnt ihr also auch dieses Review hier getrost ignorieren.

 Nachtrag vom 31.12.2009: ich habe meine Meinung geändert, jedenfalls, was die Bewertung angeht. Wo mich die Dots über immer mehr Ecken mit experimenteller Musik vertraut gemacht haben, habe ich inzwischen gelernt, dass es auch so etwas wie einen Unterschied zwischen guter und schlechter Unberechenbarkeit und Experimentierfreude gibt. Dennoch ist TMD, wie der weitaus größte Teil des rosa gepunkteten Ouevres, ein äußerst gut gelungenes Werk.

Übrigens: wem das Album gefällt und sich als Anhänger dieser Gruppierung sieht, der dürfte auch von den vor einigen Monaten auf Trademark Of Quantity, dem Bandlabel, erschienenen Maria Sessions angetan sein. Der Name deutet es bereits an und ja, das sind bearbeitete Aufnahmen, die mit der Entstehung des vorliegenden Albums zu tun haben. Das Preis-Leistungs-Verhältnis liegt mit 13,50€ für eine einfache CDr mit 39 Minuten Sessions nach meinem Ermessen im Bereich "unverschämt", aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Gut anhören tut es sich jedenfalls.

Bewertung
10/10
Im Forum kommentieren
Letzte Aktualisierung ( 09.05.2012 )
 
< Zurück   Weiter >
Top of Page