|
Es gibt Genres, die derart obskur sind, dass sie den meisten Menschen nicht mal namentlich bekannt sind. Klar, jeder weiß, was Rockmusik ist, was Metal, was Pop und was Jazz ist, was aber bloß daran liegen kann, dass diese Musikrichtungen allesamt bekannte und erfolgreiche Vertreter hatten. Bei den eingangs erwähnten Genres verhält es sich aber so, dass ihre Vertreter mit dem Konzept der Berühmtheit schon immer auf Kriegsfuß standen, es auch weiterhin tun werden und die Allgemeinheit von ihrer Existenz nichts weiß. Derartige Musik verfällt in den mir bekannten Fällen unterschiedlichsten Extremen: „meditativ“, „laut“, „unhörbar“ und solcherlei Bezeichnungen treffen uneingeschränkt zu, und nicht in dem Maße, dass der Durchschnittshörer noch Gefallen daran finden mag, sondern so weit, dass sie in der Regel als Lärm durchgeht, von manch potenziellem Hörer aber bloß aufgrund der erwähnten Nichtkenntnis unbewusst missachtet wird. Das hat freilich den Vorteil, dass eine geringere Gefahr besteht, von blinden Mitläufern und ähnlichen Spaßvögeln unterwandert zu werden, etwas, unter dem alle Dinge leiden, die einen gewissen Bekanntheitsgrad innehaben, kann aber auch seitens dieser vermeintlichen Elite, die auf Werte die Trveness und Exklusivität pocht, zu fürchterlicher Hochnäsigkeit Außenseitern gegenüber führen. Wie dem auch sei: zu den genannten Genres zählt auch Drone. Reine Drone-Musik hat keine Chancen darauf, einer breiteren Menge zu gefallen. Nun sind Troum zwar auch Drone, stehen aber ebenso mit einem Bein im Ambient und trauen sich auch gerne mal ein paar Schritte in Richtung Industrial, weshalb ich glaube, dass sie in kommerzieller Hinsicht zumindest etwas tauglicher sind als Gruppierungen wie, sagen wir, ihre Vorgängerband Maeror Tri – was diese natürlich kein Stück schlechter macht. „Eald-Ge-Stréon“, das in seiner limitierten Variante mit dem vollwertigen Bonusalbum „Abhijñâ“ zu kaufen ist, könnte besonders für Neueinsteiger interessant sein.
Zuerst einmal die Fakten: Troum sind Stefan „Baraka[H]“ Knappe und Martin „Glit[S]ch“ Gitschel. Die beiden machen seit 1988 (kommerziell erhältliche) Musik, damals noch unter dem Banner von Maeror Tri, einer Drone-Formation, die zu ihrer Zeit, wie es heute bei Troum der Fall ist, DIE deutsche Referenz ihrer Stilrichtung war. 1996 trennten sie sich von ihrem Partner Helge Siel, lösten Maeror Tri auf, gründeten Troum und begannen im Zuge dieses Neuanfanges allmählich, ihren Musikstil dahingehend zu ändern, dass ihnen, wie schon gesagt, ein größeres kommerzielles Potenzial zur Verfügung steht - wenn auch wahrscheinlich nicht mit genau diesem Vorsatz. Selbstverständlich trifft auch das mal mehr, mal weniger zu, alles in Allem betrachtend wage ich es aber, zu behaupten, dass die Gruppe im Laufe ihrer bisherigen Karriere einige mögliche Singleauskopplungen hervorgebracht hat, wohl wissend, dass auch diese Beobachtung bloß relativ ist und ein solches Format für Nischengenres in der Praxis absolut untauglich ist. Der Punkt, der „Eald-Ge-Stréon“ so attraktiv für Neulinge machen dürfte, ist die Tatsache, dass es sich hierbei um kein richtiges Konzeptalbum, sondern mehr um eine Sammlung bisher nicht großflächig verfügbarer oder nur live vorgeführter Stücke handelt, die dem unvertrauten Hörer schnell klarmachen, wofür dieses großartige Duo überhaupt steht. Die Kohärenz eines mutwillig ausgetüftelten „richtigen“ Albums geht diesem Werk aber trotzdem nicht ab, so zusammengewürfelt sich die Tracklist vielleicht auch lesen mag. Troum machen keine Musik zum Nebenbeihören, sie verlangt genaues Hinhören und eine exakte Wahrnehmung aller klanglichen Details. Dafür steht schon der Opener „Elation“, ein traumhaftes Beispiel für genuinen Gothic Drone, wie es im Buche steht. Viermal nehmen die tiefen, lautstarken Drones Anlauf, viermal steigen und sinken sie in der Lautstärke, bis sie sich beim fünften Mal in voller Lautstärke mit weiteren, hohen Drones paaren. Während beide Seiten oberflächlich betrachtet monoton vor sich hinschweben, wechseln die hohen Drones im Hintergrund mehrmals kurzzeitig die Tonhöhe, wieder im Sinne eines Anlaufnehmens, und münden in einer düsteren, ätherischen, stellenweise an Engelsgesang anmutenden Melodie, die im Hintergrund, fast unerkannt, von leichten Variationen in den tiefen Tönen unterstützt wird – alles zäh in die Länge gezogen, aber einfach nur schön. Wie es so im Drone ist, scheint auch hier ständig etwas in Bewegung zu sein, selbst, wenn vordergründig nichts passiert. Eine weitere Facette stellt das darauffolgende „Usque Sumus Lux“ dar. Alles beginnt mit etlichen ineinander verwobenen, kalten Gongs (oder Gong-artigen Klängen), an die sich ein tribaler Rhythmus anschleicht und sich allmählich und kaum bemerkt in den Vordergrund drängt. Im Hintergrund damit gleichzeitig ein aus dem Takt geratenes Pfeifen. Plötzlich eine alles überwältigende, äußerst schwammige und übersteuerte Gitarre, die zwischendurch kurz dem bisherigen Instrumentarium Raum zur Entfaltung gewährt, nur um ein zweites Mal unverhofft und in alter Lautstärke die Szenerie zu dominieren, bis sie dann schlussendlich langsam zur Ruhe kommt und sich auch der erwähnte Stammesbeat sich verabschiedet. Als Outro dann Interpretationen von Wind und leisen, unauffälligen Kinderstimmen, danach maschinelles Grummeln. Und Ende. Wow! Nebenbei erwähnt sind unter den insgesamt sieben Tracks auf „Eald-Ge-Stréon“ auch zwei Coverversionen vertreten, eine direkte und eine indirekte. Die indirekte nennt sich „Dhânu-H“ und soll wohl laut Booklet Bezug nehmen auf einen deutschen Schlager, den die Band sehr zu schätzen weiß, genauer genommen, wie man es im Netz erfährt, von Ronny. Wahrscheinlich, so nimmt man an, auch wegen der Ähnlichkeit im Namen, diente dessen Hit aus den 60er Jahren „Dunja, du“ als Vorlage, aber selbst das ist noch ganz vorsichtig getippt. Viel wichtiger ist, dass die vorliegende Nummer den Qualitätsstandard dieser Veröffentlichung im Mindesten zu halten vermag. Töne, die an christlichen Mönchsgesang gemahnen, machen den Anfang, rücken aber nach kurzer Zeit in den Hintergrund, während sich ein Klangwall ausbreitet und eine tieftraurige Melodie anstimmt, die – man möge mir den dilettantischen Seitenhieb verzeihen – wohl jeden von Weltschmerz ergriffenen Emo endgültig von seiner Bestimmung überzeugen dürfte. Hochqualitativer Ambient ist das! Mehr kann ich dazu nicht sagen, solche Musik muss zweifellos erlebt werden. Die direkte Neuinterpretation, direkt im Anschluss an „Dhânu-H“, stammt im Original von der Industrial-Band Savage Republic und nennt sich „Procession“. Die Erstveröffentlichung des Songs fand im Jahre 1982 statt und im Allgemeinen gilt ja, dass das eigentliche Lied nachfolgenden Coverversionen deutlich überlegen ist, aber nach meiner Meinung ist es hier gerade andersrum. Savage Republic und ihr großartiges Original in allen Ehren, doch ich bin davon überzeugt, dass das, was Troum aus diesem ohnehin schon sehr guten Lied gemacht haben, eindeutig überlegen ist, und dass die Urversion im direkten Vergleich ein bisschen blass erscheint. Das Stück besteht in seiner Essenz aus kräftigen, militärisch-bedrohlichen Drums, tiefen Drones und den finsteren, eher im Hintergrund gespielten Vocals der Ursprungsversion. Zum Schluss kommen auch noch eine ebenfalls im Hintergrund agierende, den Grundton unterstützende verzerrte Gitarre. Wie es so oft bei Troum ist, geht es auch hier um Atmosphäre, um die bedrückte, drückende, erdrückende Stimmung, die dieses Lied mit sich transportiert. Generell lässt sich zu diesem Album sagen, dass rund 59 Minuten, verteilt auf sieben Lieder, im genreunabhängigen Gesamtblick überdurchschnittlich, aber im Vergleich mit vielen weiteren Vertretern des/der Genres, die gerne auch erheblich in die Länge gehen, doch recht kurze Stücke ergeben. Am längsten ist hier der Abschluss „Crescere“ mit etwas über sechzehn Minuten, der noch mal all die Themen aufgreift, die „Eald-Ge-Stréon“ bisher so auszeichneten. Oh, und natürlich die experimentellere Bonus-CD „Abhijñâ“ mit einer Spielzeit von 33:30, die ich hier aber nicht mitgezählt habe. Erwähnung finden sollte auch das augenscheinlich simple, aber doch fabelhafte Coverartwork von Stephen O'Malley, bekannt von Sunn O))) und unzähligen weiteren Bands, das sich wirklich perfekt ins (tatsächlich vorhandene) Gesamtkonzept des Albums einfügt. Dessen Vielseitigkeit indes ist verblüffend. Ein weiteres, ganz großes Qualitätsmerkmal ist, dass meine Angaben zu den einzelnen Liedern nicht verbindlich sind, andere Hörer könnten also wieder ganz unterschiedliche Details und Aspekte raushören.Abschließend bleibt nur eine dringende Empfehlung, mal einen Blick ins mittlerweile recht umfangreiche Gesamtwerk dieser wirklich ganz, ganz wunderbaren Gruppierung zu suchen. Stefans eigener Bremer Musikladen und Onlineshop Drone Records ist da wohl die beste Anlaufstelle. Viele Releases sind nicht mehr verfügbar, weil sie nur in begrenzten Mengen rausgebracht wurden und manchmal einfach generell die potenzielle Käuferschaft bewusst begrenzt wurde, wie es z. Bsp. mit der ursprünglichen Business Card-CD(r?) mit „Dhânu-H“ der Fall war, die aus Freude am Experiment bloß in einem Automaten in Bremen erhältlich ist/war. Aber wenn ihr etwas seht, greift zu. Es lohnt sich. Troum ist eine von diesen Bands, bei deren Soloalben man einfach blind zugreifen kann und es auch tun sollte. Das gilt auch „Eald-Ge-Stréon“. Hier stimmt alles!
Im Forum kommentieren |